Hl. Messe im Friedhof von Neudorf

Hl. Messe und Segnung des Friedhofs in Neudorf

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Über 75 Jahre bot der Friedhof von Neudorf für Wanderer und Radfahrer im Grenzgebiet ein Bild der Verwüstung. Unweit des Pfraumberges lag die Gemeinde Neudorf, heute Nová Ves, die mit 1314 Einwohnern einschließlich den dazugehördenden Weilern ein beachtliches Ortsleben führte. Erste urkundliche Erwähnung findet die Ansiedlung um 1497 wegen eines Fischereirechts im nahen See Vraneč, dem Pfrentschenweiher, einem heutigen Naturschutzgebiet. Neudorf war eine der größten Gemeinden im Tachauer Kreis mit 141 Anwesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte die Ausweisung aller deutschen Familien durch die Benesch-Dekrete vom 19. 5. 1945. Viele mussten in den Gebäuden der Zigarrenfabrik in Tachau über Wochen mit nur 25 kg erlaubten Habseligkeiten ausharren, bis sie in Viehwagons in ihnen unbekannte Orte in Deutschland transportiert wurden.
Bei den Einwohnern von Neudorf geschah das größtenteils im September 1946. Ein halbes Jahr davor – am 12. April 1946 – wütete in Neudorf ein Großbrand. Er wurde durch den Funkenflug eines Holzvergaser-LKWs ausgelöst. Da keine Löschgeräte zur Verfügung standen, griff das Feuer in kurzer Zeit auf die meisten Höfe über. Erhalten blieben nur 14 Häuser. Ebenso wurde die Ortkirche St. Leonhard ein Raub der Flammen. Sie war am westlichen höchsten Punkt des Ortes erbaut mit einem gotischen Turm. 1792 erfolgte der barocke Umbau des dem Patron der Viehzüchter geweihten Gotteshauses. Einige Jahre nach der Brandkatastrophe wurde die Kirche völlig ausgeraubt, zerstört und schließlich eingerissen. Erhalten sind nur noch ein überwachsener Hügel von  Mauersteinen. Gut erkennbar ist der Rest des zerstörten Kirchturmes an der linken Seite des ehemaligen fünfeckigen Presbyteriums. Völlig verschwunden sind die Häuser im westlichen ältesten Teil des Dorfes.
Nur wenige Häuser in Nová Ves sind restauriert oder neu erbaut. In der Ortschaft leben heute nur ca. 50 tschechische Einwohner, vom früheren Leben ist kaum etwas zu spüren.
Unterhalb der ehemaligen Kirche liegt der Friedhof. Viele Gräber verwahrlosten. Die Angehörigen konnten viele Jahre lang den Friedhof nicht besuchen, weil er in militärischem Sperrgebiet lag. Grabsteine wurden umgeworfen und zum Teil zerstört. Nach der Grenzöffnung besuchten viele Neudörfer ihre ehemalige Heimat. Besonders der Friedhof hatte es Gerhard Reichl und seiner Cousine Elisabeth Lehner angetan. Sie besuchten jährlich den verlassenen Ort ihrer Ahnen, mähten einen Weg durch Gestrüpp und Brennnesseln und suchten nach den Gräbern ihrer Verwandten. Anlässlich eines „Workcamps“ wurden die Heimatpflegerin der Sudetendeutschen Zuzana Finger und die Initiatoren des tschechischen Vereins „Omnium“ mit Barbora Vĕtrovská sowie Jakub Dĕd auf die besondere Örtlichkeit des Friedhofs aufmerksam. Ihnen ist es zu verdanken, dass es gelang, das Friedhofsgelände zu pachten. Mit einer grenzüberschreitenden Aktion wurden Bäume gefällt und das Gelände von Büschen und Unkraut befreit, so dass zum ersten Mal ein Blick auf denn mit einer Naturmauer umgebenen Friedhof möglich wurde. Umgestürzte Grabsteine waren nun wieder sichtbar und einige Inschriften für die Verstorbenen konnten in mühevoller kalligrafischer Kleinarbeit retuschiert werden.
Am 6. August hielt Pfarrer Georg Hartl aus Waidhaus für die Verwandten der Toten, die Helfer und ihre Freunde einen beeindruckenden Gottesdient im Eingangsbereich des Friedhofs. Mit tschechischen und deutschen Liedern sowie einer Segnung der Grabstätten wurde dabei den Verstorbenen die letzte Ehre zurückgegeben. Der Ortsbetreuer für die Gemeinde Neudorf Gerhard Reichl dankte allen Teilnehmern für den Beitrag zur Erhaltung der Erinnerung für diesen Grenzort. Der Vorsitzende des Heimatkreises Tachau Dr. Wolf-Dieter Hamperl erinnerte an die Verantwortung, aus vergangenem Unrecht zu lernen und Versöhnung wachsen zu lassen. Unter den Teilnehmern waren auch Maria Reichl und Eduard Steinsdörfer, die als Kinder mit ihren Eltern jeden Sonntag nach dem Kirchgang den Friedhof besuchten und als Jugendliche die Vertreibung erleben mussten.

Herbert Baumann