Mitteilungen 2/2020

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Die zweite Ausgabe der "Mitteilungen" steht ganz im Zeichen der Corona-Krise. Der Mangel an aktuellen Ereignissen gibt Raum für historische Beiträge. Aber sie können von einem ganz besonderen Gottesdienst lesen, der nur in solchen außergewöhnlichen Zeiten möglich ist.

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Vorwort des Vorsitzenden

Regionaldekan Holger Kruschina Vorsitzender des SPW

Liebe Mitglieder und Freunde des Sudetendeutschen Priesterwerks,
wer käme in diesen Zeiten an dem einen Thema vorbei, das uns unverhofft und bis ins Mark getroffen hat: Corona. Nicht nur unsere Jahrestagung und Mitgliederversammlung sind den Einschränkungen schon zum Opfer gefallen, auch unsere Sommerveranstaltungen stehen vermutlich auf der Kippe.
Die Bilder der Eskalation aus anderen Ländern lässt uns ahnen, wie haarscharf wir in unserem Land an großem Leid vorbei geschrammt sind. Wie von selbst drängen sich Vergleiche auf – die freilich immer hinken: Im selben Zeitraum wurde ja landauf landab der letzten Tage des Zweiten Weltkrieges gedacht. In manchen Medien wurde gewissermaßen das „Tagebuch“ durchgeblättert, wurde man auf den Weg des Mitdenkens, Fremderinnerns geführt. Alle großen Veranstaltungen abgesagt, alle Gesten reduziert.
Wer gerne kocht, weiß, dass Reduktion zu einer Intensität des Geschmacks führt. Alles, was zu viel ist, was verwässert, muss langsam verdampfen, um das Eigentliche zurückzulassen. Neben der deswegen ganz eigenen Qualität dieses 75 Jahr Gedenkens, gab es parallel eine Erfahrung des Eigentlichen im Erleben der Gegenwart: Das Verbleiben daheim, das Zurückfahren gesellschaftlichen Lebens, die Beschränkung auf ganz wenige Beziehungen. Außer den vielen ganz konkreten Sorgen, die Corona bereitet hat und neben den Sorgen um eine ungewisse Zukunft, hatte dieses „Bei sich Sein“ doch auch eine prägende Qualität. So wie man sich heuer an das Kriegsende erinnert, so wird man sich einmal an dieses Jahr 2020 erinnern. Und sollte, wie nach dem Krieg, eine neue, in eine gute Zukunft führende Ordnung daraus erwachsen – wir wissen es nicht – dann wird 2020 als ein epochaler Einschnitt im Gedächtnis bleiben.
Ein Drittes schließlich, etwas, dass für uns Christen unvergesslich sein wird: ein Ostern, das wir uns niemals so hätten vorstellen können. Gerade das österliche Triduum hat für mich als Priester eine unglaubliche Dichte gehabt. Ich möchte das, ohne Gemeinde, nie mehr wieder so erleben, aber es erlebt zu haben wird mein künftiges Ostern prägen.

Gerade den letzten Satz werden viele vielleicht auch auf ihre eigene Erfahrung anwenden können. Und manche werden sich sogar noch an 1945 erinnern und ihn auf diese Zeit hin sagen können.
Ein letztes, für uns als SPW einschneidendes Ereignis, das nicht erst im folgenden Nachruf anklingen soll, sondern gewissermaßen auf die erste Seite gehört: Wir trauern um unseren zweiten Vorsitzenden, Pfarrer Markus Goller, der völlig plötzlich vom Herrn, dem er die Nachfolge versprochen hat, in die Ewigkeit heim gerufen wurde. Ein Mensch und ein Jahr, den, das wir nicht vergessen werden.

Ihr
Pfarrer und Regionaldekan
BGR Holger Kruschina
Vorsitzender des SPW

 

Aufgehoben ist nicht aufgeschoben

Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe

Otto von Habsburg wies immer wieder darauf hin, daß viele Menschen vor allem von dem sprechen, was sie am meisten vermissen: Der Durstige vom Trinken, der Hungrige vom Essen, der Unterdrückte von der Freiheit oder der Vertriebene von der Heimat.
Im Mai ist es 75 Jahre her, seit die Vertreibung unserer Volksgruppe aus Böhmen, Mähren und Schlesien begann, die 1946 ihren Höhepunkt erreichte. Vor gut drei Jahrzehnten stürzte in der damals noch bestehenden Tschechoslowakei die kommunistische Diktatur, und die Freiheit hielt Einzug. Heute ist dort wie bei uns Pandemie-bedingt die Freiheit wieder eingeschränkt, wenn auch Gott sei Dank nur vorübergehend; und wir wurden sowohl durch Ausgangssperren als auch durch Grenzabriegelungen erneut von der Heimat und von den Menschen dort, mit denen wir 1989 die Kontakte wiederbeleben oder mit denen wir uns seitdem freundschaftlich vernetzen konnten, getrennt.
Der Schmerz darüber macht vielen von uns deutlich, wie sehr wir mit der Heimat seit 1989 grenzüberschreitend zusammengewachsen sind, die älteren wieder und die jüngeren durch eigenes Wollen, und wie sehr wir dies alles möglichst bald gerne wieder hätten. Nachdenklich sollte dieses Phänomen vor allem die machen, die immer wieder verleugnen, was wir alles dank Gottes Hilfe, aber auch durch konsequente landsmannschaftliche Arbeit erreichen konnten.
Da ist zuerst einmal die Freiheit. Auch in einer Zeit, in der wir als Kalte Krieger beschimpft wurden, weil wir die Stacheldrähte und Minenfelder niemals als die letzte Antwort der Geschichte akzeptieren wollten, haben wir an der Idee eines freien und geeinten Gesamteuropa unbeirrbar festgehalten. Dies galt für alle Teile unserer Volksgruppe - für den Großteil, der im Westen lebte, aber auch für jene, die unter dem DDR-Regime und in der kommunistischen Tschechoslowakei mit schweren Opfern versuchten, Zusammenhalt und Identität zu bewahren.
Seit 1989 sind auch wir als Sudetendeutsche "zu unserem Glück vereint", wie dies der Europäische Rat der Staats- und Regierungschefs vor einigen Jahren in seiner Berliner Erklärung für die Völker Europas konstatierte. Dieses Glück sollten wir durch Zwistigkeiten oder durch Zersplitterung unserer Volksgruppe nicht gefährden.
Auch unsere Heimatliebe konnte sich seit der Beseitigung des Eisernen Vorhanges trotz vieler Rückschläge, Enttäuschungen und nach wie vor vorhandener Diskriminierungen durch Unrechtsdekrete wieder besser entfalten, indem unsere Wurzelheimat für uns grenzenlos zugänglich wurde. Seitdem wurde unglaublich viel erreicht und geschaffen. Jahr für Jahr pilgern wir in großen Scharen bei Wallfahrten an die heiligen Orte, an denen auch unsere Vorfahren beteten, wandern durch unsere faszinierenden und vielfältigen Berge und Täler, treffen uns mit alten und neuen Freunden im festlichen oder im gemütlichen Rahmen, gedenken auf Friedhöfen, in Kirchen und vor Kriegerdenkmälern unserer Ahnen, entwickeln gemeinsam mit den jetzt in unseren Heimatlandschaften lebenden Menschen Initiativen, die der Kultur und der Verständigung dienen, sorgen mit Zeitzeugenprojekten und der Dokumentierung unserer Geschichte dafür, daß nicht vergessen wird, was unserer älteren Generation angetan wurde, und entwickeln Zukunftsideen für ein neues, von europäischem Geist getragenes Zusammenleben in und mit den Böhmischen Ländern.
Dabei stoßen wir angesichts des schweren Schicksals vieler Menschen auf verständliche Vorbehalte, aber auch auf bösartige Nationalisten, die aus dem Schmerz derer, die Schlimmes erlebt haben, politisches Kapital schlagen wollen. Dankbar dürfen wir allerdings feststellen, daß eine große Zahl von Tschechen und Sudetendeutschen bereit ist, dafür zu sorgen, daß, wie dies Willy Brandt formulierte, "zusammenwächst, was zusammengehört". Wer diesen Weg, den uns ein Walter Becher und ein Franz Neubauer, ein Otto von Habsburg und ein Volkmar Gabert, ein Hans Schütz und ein Wenzel Jaksch, ein Josef Stingl und ein Franz Olbert, um nur diese zu nennen, gewiesen haben, für falsch hält, sollte sich die klammheimliche Freude jener Gegner unserer Arbeit vor Augen führen, die begrüßen, dass für dieses Jahr von uns Erhofftes ausfallen muss. Dazu gehört ein Sudetendeutscher Tag in Grenznähe, der immer mehr zum Magneten für interessierte tschechische Besucher wird; eine Reihe geplanter Großereignisse wie das Jubiläum der Egerland-Jugend in Übereinstimmung mit der Stadt Eger oder der Brünner Friedensmarsch; die 30. Haindorfer Wallfahrt im Isergebirge oder der bereits vorbereitete Europäische Begegnungstag der SL Bayern in Franzensbad, um von vielen hundert Ereignissen nur diese wenigen herauszugreifen.
Ohne solche Aktivitäten, die seit einigen Jahren von Etlichen, wenn auch nicht allen in der großen Politik unterstützt werden, könnte es nicht gelingen, wenigstens einen Teil der alten Wunden zu heilen und dafür zu sorgen, dass möglichst keine neuen dazukommen. Wir haben gerade erlebt, wie eng miteinander verflochten und wie verwundbar unser Europa ist. Nationaler Egoismus ist gefährlicher denn je, und gute Nachbarschaft erweist sich wieder einmal als existenziell notwendig. In Abwandlung eines Wortes von Franz Josef Strauß kann man durchaus sagen, dass die Heimatvertriebenen, ihre Nachkommen und unsere Partner in der Tschechischen Republik eigentlich den Friedensnobelpreis verdient hätten, auch wenn unsere Arbeit von manchen ignoriert wird oder ihnen nicht passt. Wir werden sie jetzt schon fortsetzen und, sobald dies uneingeschränkt möglich ist, noch weiter intensivieren. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!

Bernd Posselt
Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe

 

100 Jahre Tschechoslowakische Hussittische Kirche

1920 war nach dem Ersten Weltkrieg in Prag eine von Rom abgespaltene eigene Tschechoslowakische Kirche gegründet worden, die sich erst 1971 Tschechoslowakische Hussitische Kirche nannte und damit auch im Namen an die alte tschechische Tradition des Jan Hus anknüpfte. Die Kirche ist eine neohussitische Kirche, denn sie entstand aus der Reformbewegung der tschechischen katholischen Geistlichkeit, die sich seit dem 19. Jahrhundert gegenüber Rom immer wieder mit Vorschlägen zur Kirchenreform zu Wort meldete. Man verlangte vor allem die tschechische Sprache im Gottesdienst und den Kelch für die Laien.

Als im Oktober 1918 die alte Donaumonarchie zusammenbrach und in Prag die Tschechoslowakische Republik am 28. Oktober ausgerufen wurde, erklärte der aus der katholischen Kirche ausgetretene erste Präsident Thomas G. Masaryk, „mit Wien hat man abgerechnet, mit Rom wird man abrechnen“. Am 3. November 1918 wurde auf dem Altstädter Ring in Prag die Mariensäule als Symbol der Habsburgerherrschaft und der nach der Schlacht am Weißen Berg (1620) durchgeführten Gegenreformation gestürzt.

Ein neugegründeter katholischer Priesterverband „Jednota“ forderte nun die Demokratisierung der Kirche, ein nationales tschechisches Patriarchat, die Volkssprache im Gottesdienst, den Kelch auch für die Laien und die Abschaffung des Zölibats. Einer nach Rom entsandten Delegation von tschechischen Priestern wurden nur sehr begrenzte Zusagen erteilt, wie die Erlaubnis, im Gottesdienst die Epistel und das Evangelium in der Volkssprache zu lesen. Am 8. Januar 1920 kam es deshalb zum Bruch mit Rom, am 14. September desselben Jahres wurde die neue Kirche staatlich anerkannt. Ihr schlossen sich zahlreiche katholische Priester an.

Eine starke panslawische Tradition der Tschechen suchte zunächst eine Anlehnung an die serbische Orthodoxie, doch entwickelte sich die Kirche bald in Richtung eines liberalen Protestantismus mit stark presbyterianischer Verfassung. Der in Belgrad zum Bischof geweihte Gorazd wurde orthodox, die anderen Bischöfe und der erste Patriarch der neuen Kirche, Karel Farsky, wurden nicht mehr in apostolischer Sukzession geweiht.

In der Vorläufigen Ordnung der Tschechoslowakischen Kirche vom Jahre 1920 heißt es: „Die Tschechoslowakische Kirche wird gebildet von Anhängern der christlichen Religionsanschauung, die auf dem Grundsatz der Freiheit des Gewissens und der religiösen Überzeugung eines jeden einzelnen stehen und nach Verinnerlichung des religiösen Lebens im Geist brüderlicher Liebe streben. Die ideologische Grundlage der Tschechoslowakischen Kirche ist also das Evangelium Christi. Richtungsweisende Interpreten des Evangeliums bleiben in der Tschechoslowakischen Kirche nach den Aposteln die Slawenapostel Cyrill und Method, Magister Jan Hus und die Böhmischen Brüder im Sinne der heutigen Erfordernisse des Geistes.“

Ein Jahr später wurde es so formuliert: „Die Tschechoslowakische Kirche besteht aus Christen, die die Lehre Jesu Christi nach der Auslegung der sieben ersten allgemeinen Kirchenkonzile und des Nizänischen Glaubensbekenntnisses bekennen und sich nach der Tradition der Slawenapostel Cyrill und Method und des Magisters Jan Hus richten.“

Außerdem heißt es: „Die Tschechoslowakische Kirche ist eine allgemeine katholische Kirche im reinen Sinne des Wortes; Gottesdienstsprache ist die Muttersprache.“

Bei der Volkszählung des Jahres 1921 bekannten sich bereits 525.333 Staatsbürger der damaligen Tschechoslowakei zu dieser Kirche, davon 437.377 in Böhmen und 85.855 in Mähren-Schlesien. In der Slowakei waren es nur 1910 Personen, in der damals zur ČSR gehörenden Karpato-Ukraine nur 191. In Böhmen entsprach dies fast zehn Prozent der tschechischen Bevölkerung. Da sich weitere 724.000 Bürger der ersten Tschechoslowakischen Republik als religionslos betrachteten, ging zum Beispiel in Prag der Anteil der Katholiken an der Gesamtbevölkerung von 92,6 auf 58,3 Prozent zurück.

Bis zur Volkszählung 1930 war die Gläubigenzahl der Tschechoslowakischen Kirche auf 793.385 angewachsen, bis 1947 auf eine Million. In 15 Städten betrug ihr Bevölkerungsanteil über zehn Prozent. Sowohl im Prager Frühling 1968 als auch bei der Samtenen Revolution im Jahre 1989 unterstützte die Tschechoslowakische Kirche die Reform- und Demokratiebestrebungen.

An ihrer Spitze steht ein Patriarch, der jeweils für sechs Jahre gewählt wird. Diözesen mit Bischöfen gibt es in Prag, Pilsen, Königgrätz, Olmütz, Ostrau und Brünn. Die Zahl der Gemeinden beträgt rund 300, die von über 200 Geistlichen betreut werden, von denen die Hälfte Frauen sind. Die Ausbildungsstätte für die Geistlichen ist die Hus-Fakultät in Prag, die neben der katholischen Cyrill-und-Method-Fakultät und der protestantischen Comenius-Fakultät eine der jetzt drei theologischen Fakultäten der alten Karls-Universität ist und auch Studiengänge für Orthodoxe und Altkatholiken anbietet. Trotz des Zerfalls der ČSFR 1992 hat die Tschechoslowakische Kirche ihren Namen beibehalten, obwohl alle Gemeinden der Kirche bis auf eine in Preßburg in der Tschechischen Republik liegen. Dagegen hat die Tschechoslowakische Orthodoxe Kirche ihren Namen geändert und heißt heute „Orthodoxe Kirche in den böhmischen Ländern und in der Slowakei“.

Diese orthodoxe Kirche ist ebenfalls jungen Datums und entstand fast parallel zur Tschechoslowakischen Kirche. Aber bereits im Jahre 1451 kam ein tschechischer Priester nach Konstantinopel, um dem dortigen Ökumenischen Patriarchen die Lehren der Hussiten zu erklären und drückte dabei den Wunsch nach Vereinigung der Hussiten mit der orthodoxen Kirche aus. Die Lehre der Hussiten wurde damals vom Patriarchen als „gesund und für die Kirche annehmbar“ angenommen, und es kam 1452 zu einem Briefwechsel über eine Union, die aber durch den Fall Konstantinopels 1453 in die Hände der Türken nicht verwirklicht wurde.

Während es im 19. Jahrhundert in Böhmen und Mähren aus panslawistischen Motiven nur zum Einzelübertritt von Tschechen zur Orthodoxie kam, bildete sich nach der Entstehung der tschechoslowakischen Nationalkirche eine orthodoxe Kirche in der Tschechoslowakei, die dem Serbischen Patriarchen von Belgrad unterstellt wurde. Ihr schlossen sich Priester und Gläubige an, die mit der liberalen, fast pantheistischen Richtung der Tschechoslowakischen Kirche unzufrieden waren und eine Apostolische Sukzession der Bischöfe wollten. Die Kirche umfasste in der Zeit zwischen beiden Weltkriegen 22.000 Gläubige in Böhmen und Mähren, während die Zahl der Orthodoxen, in der damals zur Tschechoslowakei gehörenden Karpato-Ukraine im Jahre 1930, bei 110.000 lag. Der erste Bischof der orthodoxen Kirche, Gorazd, wurde 1942 in Zusammenhang mit dem Heydrich-Attentat hingerichtet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste die Karpato-Ukraine an die Sowjetunion abgetreten werden. Dadurch sank die Zahl der Orthodoxen in der Tschechoslowakei. Sie wurde aber wieder vermehrt durch die Repatriierung von 20.000 orthodoxen Wolhynien-Tschechen aus der UdSSR und durch die Aufhebung der Union von Užhorod, wodurch die mit Rom Unierten in der Slowakei (wie in der Ukraine) mit Gewalt der orthodoxen Kirche einverleibt wurden. Die Jurisdiktion der serbischen Kirche wurde damals durch die des Moskauer Patriarchats ersetzt, das der Orthodoxen Kirche in der Tschechoslowakei 1951 die Autokephalie d. h. die kirchliche Selbständigkeit innerhalb der orthodoxen Schwesternkirchen gewährte. Konstantinopel billigte den Orthodoxen der ČSR nur die Autonomie zu. Bis zur Wiederzulassung der Unierten im Zuge des Prager Frühlings gab die orthodoxe Kirche die Zahl ihrer Angehörigen mit 400.000 Gläubigen in vier Diözesen an: Prag, Olmütz-Brünn, Preschau (Prešov) und Michajlovce in der Slowakei. Heute zählt sie nur noch einige 10.000 Gläubige. Die Metropolitankirche ist in Prag (Prag 2; Resslova ul. 9). Erst 1998 erkannte auch das Ökumenische Patriarchat in Konstantinopel die Autokephalie der Orthodoxen Kirche der Böhmischen Länder und der Slowakei an.

Die Ereignisse bei der Zerschlagung des Prager Frühlings 1968 und die daraus resultierende Animosität der Tschechen gegen alles Russische haben der Kirche schwer geschadet. Schon im Februar 1973 schrieb der Redakteur der Zeitschrift „Hlas pravoslavi“, Dr. J. Novak: „So verliert die tschechische Orthodoxie allmählich eine Gemeinde nach der anderen, weil sie zu Hause noch immer nicht verwurzelt ist. Die Kirche stirbt einfach aus. Den geistlichen Mitarbeitern ist es nicht gelungen, die geistliche Tradition des Ostens auf westslawischen Stamm aufzupfropfen.“

Noch geringer als die Zahl der Orthodoxen ist die Zahl der Gläubigen der alt-katholischen Kirche. Sie war bis zur Vertreibung der Deutschen fast ausschließlich deutsch geprägt, aber ihre Bischöfe waren Tschechen.

Ein Jahrhundert nach dem Ersten Weltkrieg ist für uns eine Analyse der kirchlichen Ereignisse von 1920 lehrreich. Im Gegensatz zur 1923 entstandenen orthodoxen Kirche der damaligen Tschechoslowakei haben sich die „Reformer“ aus den Reihen der Tschechoslowakischen Kirche und der Altkatholiken weit von katholischer Glaubenstradition entfernt. Die Altkatholiken wollten 1871 katholisch sein und nur das neue Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes nicht anerkennen. Doch die Erosion der Katholizität setzte sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt fort, von der Abschaffung des Lateins im Gottesdienst über die Abschaffung des Zölibats, die Zulassung Geschiedener zu den Sakramenten bis zur Priesterweihe von Frauen.

Ein Blick auf die Tschechoslowakische Kirche zeigt eine ähnliche Entwicklung.

 

Rudolf Grulich

P. Jan Bula - ein Märtyrer

Der Herr gab mir ein kurzes Leben

P. Jan Bula, hingerichtet vom kommunistischen Regime in der Tschechoslowakei, war ein Zeuge des Glaubens an den auferstandenen Christus, sichtbar präsent in unserer Welt durch seine Kirche.
Jan Bula wurde am Fest Johannes, des Täufers, am24. Juni 1920 in der neuen Tschechoslowakischen Republik in Lukov in Südwestmähren geboren. Sein Schicksal war geprägt von politischen Ereignissen, die mehr als ein halbes Jahrhundert lang nicht nur die Geschichte Mitteleuropas, sondern der ganzen Welt beeinflussten. Sein Leben und sein Tod ist ein Weg des Glaubens, welcher ihn nicht nur zum Priesterberuf, sondern auch in der Nachfolge von Johannes dem Täufer, dem Vorläufer Christi, ins Gefängnis und zum Tod führte.
Wie es damals üblich war, wurde Jan an seinem Geburtstag in der Kirche des hl. Johannes des Täufers, in Lukov getauft und erhielt den Vornamen von ihm. Johannes der Täufer wird ihn auch an den ersten und einzigen Ort seines priesterlichen Wirkens begleiten. Nach seiner Priesterweihe am 29. Juli 1945 in der Peter-und-Paul-Kathedrale in Brünn ist Jan Bula Kooperator in Rokytnice nad Rokytnou geworden. Die dortige Kirche ist dem hl. Johannes dem Täufer, geweiht.
Die Befreiung der Tschechoslowakei im Jahre 1945 brachte keine reale Freiheit. Abgelehnter und besiegter deutscher Nazismus brachte viele naive Tschechen und Slowaken in die Arme einer Diktatur des sowjetischen Kommunismus. Nach dem Krieg folgte eine merkwürdige Phase von zweieinhalb Jahren, welche die Fortsetzung des demokratischen Systems der Ersten Republik vortäuschte. Tatsächlich begann ein Prozess von einer schnellen und immer konsequenteren Sowjetisierung des Landes. Während des Krieges, in der Zeit der Londoner Exilregierung, geschah das in der Außenpolitik, nach der Rückkehr in die Heimat auch in der Innenpolitik. Die Entwicklung der tschechischen Politik steuerte unaufhaltsam auf eine komplette Übernahme der Macht durch die Kommunisten im Februar 1948 zu. Die Geschichte des Nächstenhasses ging weiter, nur von einer anderen Hand geschrieben, nun geführt von der Klassenideologie. Und diese wurde Ende der 40ziger Jahre des 20. Jahrhunderts schicksalhaft.
Schon bevor die Kommunisten in der Tschechoslowakei die sowjetischen Anweisungen, den Klassenterror auszulösen, übernahmen, kannten sie ihr Volk und wussten sehr gut, wer ihre größten Kritiker sind. Die katholische Kirche nahm in der modernen Geschichte des tschechischen Volkes langfristig den imaginären ersten Platz auf der Skala der Feinde der Nation ein, und das nicht nur in den Gedanken der marxistischen Linken. P. Jan Bula stand deswegen sein ganzes Leben auf der „falschen Seite der Barrikaden.“ Neben Vertretern der Bourgeoisie, also der Industriellen und reichen Gesellschaftsschichten, von Bauern (von den Kommunisten „ländliche Reiche“ genannt), linksorientierten Intellektuellen, Vertretern der tschechischen Aristokratie und der Widerstandskämpfer aus dem Zweiten Weltkrieg, vor allem der Soldaten, die im Westen gekämpft hatten, wurde P. Jan Bula als Feind des kommunistischen Staates betrachtet.
Trotz der Bezeichnung als Klassenfeind war es möglich, die Zeit des kommunistischen Systems irgendwie zu überleben, oft auch in Freiheit. P. Jan Bula kam aus armen Verhältnissen. Seine Mutter hatte als Witwe, nachdem ihr Mann im Ersten Weltkrieg gefallen war, einen Angestellten bei der Bahn geheiratet. Doch die schicksalhafte Rolle in seinem Leben spielte erst der „Fall Babice.“ Als Priester geriet er mehrmals während seines Wirkens in einen Konflikt mit den Kommunisten. Er war ein vielseitiger Mann, der sich oft in verschiedenen Vereinen engagierte, z. B.im katholischen Sportverein „Orel,“ wo er sich der Jugend widmete und eine Abteilung „Orlici“ führte. Er spielte mit ihnen Fußball, veranstaltete Vorträge, malte Kulissen und probte mit ihnen Theaterstücke. Deswegen war er bei den Menschen beliebt, was die Kommunisten störte. Jan Bula war nicht nur ein aktiver Priester, sondern engagierte sich in der Gemeindeverwaltung in Rokytnice und war Mitglied der Tschechoslowakischen Volkspartei. In den Augen der Kommunisten waren das immer erschwerende Umstände. Die erste offene Kollision mit der staatlichen Macht fing an, als die Kommunistische Partei versuchte, die katholische Kirche zu spalten, von Rom zu trennen und unter ihre volle Kontrolle zu bringen. Es wurde eine „Katholische Aktion“ organisiert, die mit dem Wunsch, eine gute Beziehung zwischen Staat und Kirche zu fördern, lügenhaft versuchte, die neue Politik der Regierung bekannt zu machen.
Bula stimmte nur der Erklärung zu, gute Beziehungen zwischen der Kirche und der Regierung zu finden, aber nicht der anderen Kirchenpolitik der Kommunistischen Partei, wie sie in der Bezirkszeitung erschien. Bula erklärte alles in der Kirche und distanzierte sich von dem Missbrauch seiner Unterschrift zur Unterstützung der Regierungspolitik durch staatliche Behörden.
Nachdem die Bischöfe einen Hirtenbrief verschickt hatten, in dem sie über die wahre Situation der Kirche und die kirchenfeindliche Politik des Staates informierten, wurde Bula von der Polizei aufgesucht und aufgefordert, diesen Brief in der Kirche nicht vorzulesen. Jan Bula zog sich nicht zurück und gehörte zu den 6 von 22 Priestern, die den Brief in der Kirche vorlasen. Es geschah bei der Frühmesse vor der Fronleichnamsprozession am 19. Juni 1949.
Die Worte der Bischöfe ergänzte er mit einem eindeutigen Kommentar: „Wir wollen unsere Nation nicht verraten,...aber auch Christus nicht...Nur Judas konnte Christus verraten. Seien Sie treu! Enttäuschen Sie nicht das Vertrauen der Kirche, in der Sie geboren wurden, damit sie einmal nicht über Sie weinen muss und Ihre Kinder sie nicht verdammen.“ Der Polizist und der Vorsitzende des Nationalausschusses, die Bula`s Worte hörten, sagten im Prozess gegen ihn aus. Jan wurde später mit einer hohen Geldstrafe wegen Volksverhetzung bestraft. Eine Woche nach Fronleichnam las er beim Sonntagsgottesdienst einen weiteren Hirtenbrief vor. Er wurde mit einem Monat Gefängnis bestraft. Die Strafe wurde ihm durch eine vom Präsidenten am Feiertag verkündete Amnestie erlassen. Im nächsten Jahr durfte Jan Bula die Arbeit mit Jugendlichen im Verein „Orel“ nicht mehr ausüben. Das Leben der Kirche stand unter intensiver Aufsicht der staatlichen Polizei. Auch Jan Bula konnte sich der Überwachung nicht entziehen.
Am zweiten Jahrestag des kommunistischen Putsches, am 25. Februar 1950, starb P. Josef Toufar, der Pfarrer von Cihost. Er war im Gefängnis von den Ermittlern der Geheimpolizei wegen des „Wunders von Cihost“ zu Tode geprügelt worden. Es ging um eine bisher ungeklärte Bewegung des Altarkreuzes, die von einigen Gläubigen bei der Frühmesse gesehen wurde. Es geschah zu der Zeit, als Josef Toufar bei seiner Predigt auf der Kanzel stand, und das Kreuz auf dem Altar hinter seinem Rücken war. Die Ermittler versuchten, den Priester durch Folter zum Geständnis zu zwingen, dass er es war, der das Kreuz durch einen Mechanismus bewegte. Die Geheimpolizei versuchte, einen solchen Mechanismus vor Ort zu bauen, aber es funktionierte nicht.
Die wütende kommunistische Staatsmacht beschloss, die katholische Kirche heftig anzugreifen. Im April 1950 wurden alle männlichen Klöster in der Tschechoslowakei überfallen und die Ordensleute wurden interniert. Das Eigentum der Klöster wurde vom Staat beschlagnahmt und teilweise nach und nach gestohlen. Etwas später folgte auch die Beseitigung aller weiblichen Klöster. Ein Teil des kulturellen Erbes des Landes, das die Josephinischen Reformen Ende des 18. Jahrhunderts überlebte, wurde unwiederbringlich zerstört. Sowohl der Erzbischof von Prag, Josef Beran, als auch alle anderen Diözesanbischöfe wurden interniert.
Das dramatische Finale in Bulas Leben veranschaulicht der „Babice Prozess.“ Eine schicksalhafte Person seines Lebens war ein Mitschüler vom Gymnasium, Ladislav Malý, eine Schlüsselperson im „Fall Babice.“ Malý hat eine merkwürdige Vergangenheit. Seinen abenteuerlustigen Charakter begleiten wilde Ideen. Ladislav Malý besuchte Bula mehrmals im Pfarrhaus, aber dieser hatte bald die Nase von ihm voll. Bula glaubte ihm auch seine Geschichte über die vorbereitete Flucht von Erzbischof Beran ins Ausland nicht und auch nicht, dass er mit ihm Kontakt hielt.
Nachdem Ladislav Malý mit seinen Komplizen, die sich dem antikommunistischen Widerstand anschließen wollten, einige Funktionäre in einem kleinen Ort überfielen, ist die Polizei Malý auf der Spur und im April 1951 wird Jan Bula verhaftet. Es wurden auch mehrere andere Menschen verhaftet. Einige von ihnen fielen auf einen Provokateur, einen Agenten der Geheimpolizei, herein, der sie zum Widerstand gegen das kommunistische Regime aufforderte. Die Motive des Handelns von Ladislav Malý wurden bis heute nicht geklärt. Die Beteiligung der Geheimpolizei kann nicht ausgeschlossen werden. Nachdem am Abend des 2. Juli Malý mit seinen Komplizen die Schule in Babice überfällt, wo sich die Funktionäre des örtlichen Nationalausschusses trafen, zog einer der Funktionäre eine Waffe. Bei der Schießerei wurden drei Funktionäre getötet und ein vierter verletzt.
Die Angreifer werden bald aufgegriffen. Zwei werden erschossen und das Regime löst eine grausame Welle der Unterdrückung aus. Es wurden 11 Todesurteile vollstreckt, davon sind drei Geistliche, und weitere 96 Urteile mit insgesamt 1400 Gefängnis gefällt. Vier Verurteilte sterben im Gefängnis.
P. Jan Bula hilft es nicht, dass er mehrere Monate vor der Schießerei in Babice verhaftet wurde. Es hilft ihm auch nicht, dass er den Ideen seines Mitschülers Ladislav Malý nicht zustimmte und mehrere von seinen Briefen vernichtete, damit er nicht weitere Komplizen für seine Zwecke gewinnen konnte. Für das kommunistische Regime ist sein Wirken klar, wie sich aus der Nachricht eines Polizisten ergibt: „Schon die Tatsache an sich, dass er nach der Revolution 1945 zum jungen Priester geweiht wurde, ist ein ausreichender Nachweis, dass in ihm ein Gegner des demokratischen Establishments des Volkes verborgen ist…. Falls der Genannte unter irgendwelchem Verdacht auf eine antistaatliche Handlung steht, lasst uns diese Gelegenheit nutzen und uns von einem Parasiten und seinem Einfluss auf die Arbeiterklasse befreien, die ihn ernähren muss.“
Die oberste kommunistische Leitung entschied sich für die Organisation eines Monsterprozesses, damit sie auch unnachgiebige Bauern, welche ihren Besitz nicht abgeben wollten und in die sozialistische Genossenschaft nicht einsteigen wollten, einschüchtern konnten. Auch die Urteile wurden schon im Voraus auf der Ebene der höchsten Partei – und Staatsführung festgelegt. Die Geständnisse von Angeklagten zu den schwersten Verbrechen wurden in inszenierten Gerichtsverfahren durch Folter erzwungen. Auch Jan Bula kam um alle seine vorderen Zähne. Die Öffentlichkeit sollte erfahren, dass verräterische Priester geschickt wurden, um für Geld zu morden, und das im Dienst des Papstes und des Vatikans. Zu diesem Ziel verbündeten sie sich angeblich mit den deutschen SS-Männern und den amerikanischen Bankiers.
P. Jan Bula wurde am 20. Mai 1952 um 5.00 Uhr morgens hingerichtet. Seine Mitbrüder, P. Václav Drbola und P. Frantisek Paril, waren bereits am 3. August 1951 hingerichtet worden.
In seinem Abschiedsbrief schreibt Jan Bula; „Die größte Stärkung für mich ist, dass ich bis zum Ende Gott täglich gedient habe.“ Und: „Der Herr gab mir ein kurzes Leben. Doch glaube ich nicht, dass es umsonst war.“
1989 wurde P. Jan Bula vollkommen rehabilitiert.
Am 19. Dezember 2015 wurden während einer Feier in der Kathedrale von Brünn von Bischof Vojtech Cirkrle die gesammelten Dokumente für den Prozess der Seligsprechung von zwei Märtyrern, P.Jan Bula und P. Václav Drbola, versiegelt und nach Rom geschickt.

Tomas Drobnny
Übersetzung: Kamila Novotna