Vorwort des Vorsitzenden

Liebe Mitglieder und Freunde des SPW!

Man lernt nicht aus. Neben den vielen Anglizismen der letzten Jahre – ganz aktuell: Lockdown und Co. – gibt es auch immer wieder Fachbegriffe, die näher zu erfragen es sich lohnt. Das schöne deutsche Wort Widerstandsfähigkeit ist halt doppelt so lang wie Resilienz und wie jedes Fremdwort, kann es in seiner Bedeutung auch weiter gefasst werden.
Resilienz bezeichnet den positiven Umgang mit traumatischen Erfahrungen. Viele Faktoren spielen eine Rolle, damit ein Mensch resilient ist: eine (dann wieder) stabile Umgebung etwa oder die Fähigkeit, Erfahrungen zu verarbeiten. Auch wer eine Lebenserfahrung in einen größeren Sinn-Horizont einordnen kann, tut sich leichter, von einer Bürde nicht erdrückt zu werden. Sinn schaffen so auch eine Verwurzelung im Glauben und in einer (Glaubens-)Gemeinschaft.
Wer zur Resilienz forscht, um mit Erfahrungen anderen Menschen zu helfen, hat es meist mit der Geschichte zu tun. Denn vergleichbar werden Einzelergebnisse ja erst, wenn sie mehrere Menschen einer bestimmten Gruppe gemacht haben, und dann handelt es sich meist um ein beschreibbares, vergangenes Ereignis, etwa eine Naturkatastrophe. Zu solchen Erfahrungen zählt mit Sicherheit auch die Vertreibung, wie sie unsere Volksgruppe mitgemacht hat. 2020 jährten sich das Kriegsende und die wilden Vertreibungen zum 75sten mal, heuer ist es der Beginn der „Aussiedlung“ ab 1946.
Warum wird das Gedenken an solche Jubiläen immer wichtiger? Weil – wie es der Psalmist sagt – „unser Leben 70 Jahre währt, und wenn es hochkommt sind es 80.“ Es gehen in diesen Jahren die letzten, die als Erwachsene die traumatische Erfahrung gemacht haben und damit ganz anders konfrontiert waren als etwa Kinder oder Nachgeborene.
Denke ich an meine Großeltern, dann meine ich, dass sie nie richtig „angekommen“ sind, weil sie nie richtig Abschied genommen hatten. Trotzdem waren sie nicht „gebrochen“, hatten nicht einfach nur „überlebt“. Von den wenigen Büchern, die sie besaßen und mitgenommen hatten, waren die „Gesänge und Gebete zum Gebrauche für die katholische Schuljugend und das katholische Volk“ die der Laubendorfer Ortspfarrer Eduard Valenta 1925 selbst herausgegeben hatte sicher einer der größten Schätze. Glaube war Heimat – den hatten sie sich nicht nehmen lassen.
Unsere Gesellschaft erlebt gerade eine „Vertreibung“: aus jahrzehntelanger Sicherheit, aus Gewohnheiten, die so nicht wiederkehren werden, aus dem Gefühl ungebremster Prosperität. Gebe Gott, es wäre noch so viel Glaube da, wie bei unseren Eltern und Großeltern – oder könnte er jetzt, auf der Suche nach Resilienz, vielleicht sogar wieder wachsen? Können wir mit unserer Erinnerung an die Resilienz unserer Vorfahren vielleicht heute helfen?

Holger Kruschina
Vorsitzender des SPW

Ostergruß des Vertriebenenbischofs

„Geborgenheit und Hoffnung“

In der Allerheiligenkirche zu Erfurt wurde 2007 ein Kolumbarium eingerichtet. Die gotische Kirche besteht aus zwei Kirchenschiffen. Das rechte Kirchenschiff wird weiterhin als Gottesdienstraum für das monatliche Totengedenken, für die Heilige Messe und für Andachten genutzt. Der barocke Hochaltar zeigt in seinem Altarbild die große Schar der Heiligen beim Lobgesang vor dem Thron Gottes. Im linken Seitenschiff sind 15 Stelen aufgestellt, die Platz für 630 Urnen bieten. Christen und auch Nichtchristen, die mit dem katholisch gestalteten Kirchenraum einverstanden sind, können hier einen Urnenplatz erwerben und für zwanzig oder auch mehr Jahre in dieser Kirche zum Gedenken an ihr eigenen Leben, aber grundsätzlich auch an Tod und Auferstehung einladen.
„Endlich konnte ich mit meinem Mann über das Thema ‚Tod‘ und ‚Sterben‘ sprechen!“ – sagte eine Frau, die sich mit ihrem Mann in der Allerheiligenkirche einen Platz erworben hatte. Die oft bekannte Sprachlosigkeit über diese beiden Themen wurde gebrochen, als das Angebot für einen solchen Urnenplatz durch die Domgemeinde unterbreitet wurde. Wenn dieser Kirchenraum den Gedanken an Geborgenheit und Hoffnung über den Tod hinaus vermitteln kann, dann besteht auch die Bereitschaft, darüber nachzudenken und mit größerer Zuversicht in die persönliche Zukunft zu schauen.
Dass unser Leben endlich ist, ist eine schwer zu verkraftende Tatsache. Daher müssen auch wir Christen die Trauer zulassen und gestalten. Das tun wir im Totengedenken und mit den christlichen Traditionen, wie sie sich in den verschiedensten Ländern und Kulturen entwickelt haben. Nicht alles passt zu unserer Art. Die meisten Menschen brauchen bei diesen Themen  Stille oder gute Texte oder Musik. Wir sind traurig, wenn wir dazu keine Zeit haben. Leider war es in den letzten Monaten so, dass Angehörige keine Gelegenheit bekommen konnten, von ihren Verstorbenen in gebührender und bekannter Weise Abschied zu nehmen. Es ist dann hilfreich, dass es beim Totengedenken und Totengebet am Grab oder im Gottesdienst der Kirchgemeinde die Möglichkeit dazu gibt – auch Monate und Jahre später. Es ist immer hilfreich, wenn dann das persönliche Gebet durch eine christliche Gemeinde unterstützt wird. Anderen geht dann das österliche Halleluja besser über die Lippen als den trauernden Angehörigen. Das ist eine der Kostbarkeiten, die uns Christen geschenkt ist: die Gemeinschaft im Glauben, Hoffen und Lieben.
Tod und Auferstehung sind Wirklichkeiten, die wir durchleben müssen und dürfen. Das Osterfest 2021 hat einen eigenen Charakter, denn der Tod und die Todesgefahr standen uns in den letzten Monaten näher als sonst. Das Oster-Halleluja wird vielleicht etwas vorsichtiger gesungen, wenn wir an die Verstorbenen in unseren Pfarrgemeinden und in der ganzen Welt denken und in die Gesichter der Angehörigen schauen. Aber die Wirklichkeit des neuen Lebens mit Christus ist die gleiche Wirklichkeit wie immer, denn sie besteht in der Zusage Jesu, dass er für uns beim Vater im Himmel eine Wohnung mit unglaublicher Geborgenheit geschaffen hat.

Gesegnete Ostertage und ein mutiges Halleluja wünscht
Weihbischof Dr. Reinhard Hauke

Ostergruß des Präses der Sudetendeutschen

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

viele können es nicht mehr hören, manche wollen das Wort nicht mehr hören: Corona - gehen wir einem zweiten Osterfest im Lockdown entgegen?
Ja, dieser Virus hat uns verändert - mir persönlich war vorher nicht so bewusst geworden, wie gefährdet unser Zusammensein, unsere Zukunft ist.
Und dann denke ich mir: wie gut, dass es Ostern gibt - mit dem Glauben an Christi Auferstehung!
Auferstehung heißt für uns Christen: Mut zum Leben, Mut auch zu neuen Formen von Gemeinschaft, von Beisammensein und Gottesdiensten.
Die Ausrichtung auf die Auferstehung und auf ein Leben bei Gott ist nicht Flucht vor der Gegenwart - im Gegenteil: wir brauchen diesen Glauben an Gott und an die Begegnung mit ihm, um das Jetzt zu meistern!
Das unbeirrbare Zugehen auf den Auferstandenen gibt uns jene Geborgenheit im Letzten, die wir brauchen, um im Vorletzten gelassen zu sein, d.h. im Umgang mit uns selbst, mit unseren Mitmenschen, mit Corona.
Gelassenheit ist nicht gerade die Stärke unserer Zeit - der Glaube an die Osterbotschaft bringt Geborgenheit im Letzten und Gelassenheit im Vorletzten.
Ich grüße Sie alle sehr herzlich mit meinem österlichen Lieblingshymnus:

Christ ist erstanden
von der Marter alle.
Des soll'n wir alle froh sein;
Christ will unser Trost sein.
Kyrieleis.

Wär er nicht erstanden,
so wär die Welt vergangen.
Seit dass er erstanden ist,
so freut sich alles, was da ist.
Kyrieleis.

Halleluja, halleluja, halleluja.
Des soll'n wir alle froh sein;
Christ will unser Trost sein.
Kyrieleis.

In diesem Sinne frohe Ostern!

Ihr
Msgr. Dieter Olbrich

 

Vertreibungsberichte sudetendeutscher Priester

Seit 1947 hatte das Priesterwerk der Königsteiner Anstalten alle erreichbaren vertriebenen sudetendeutschen Priester angeschrieben und um Berichte zur Vertreibung gebeten.
Die eingegangenen Berichte von Priestern aus dem Sudetenland liegen in Ordnern nach Diözesen geordnet: Prag, Leitmeritz, Königgrätz, Budweis, Olmütz, Brünn und Breslau. Die Berichte sind nicht vollständig, da nicht jeder Priester antwortete. Die erhaltenen Berichte reichen von wenigen Zeilen bis 20 Seiten, oft auf schlechtem Papier geschrieben, auf die Rückseite von Landkarten, handschriftlich, in Stenographie, nur manchmal mit der Schreibmaschine.
Bisher sind nur die Berichte aus dem Schönhengstgau in Buchform erschienen.
Prof. Rudolf Grulich hat sie für den Schönhengster Heimatbund unter dem Titel „Zeitzeugen der ethnischen Säuberung 1945/46. Katholische Priester berichten aus dem Schönhengstgau“ veröffentlicht.
Er hat uns einige Berichte zur Verfügung gestellt, die wir hier abdrucken, ganz unbearbeitet in ihrer ursprünglichen Fassung.

Bericht von  Viktor Rebstock
Katechet im Ruhestand und erzbischöflicher Notar.
Geboren am 10. August 1878 in Stuttgart, geweiht am 23. März 1901.
Wohnhaft in Drahowitz.
Gestorben am 17. Juhi 1958 in Möhringen

Kath. Pfarramt
Möhringen üb. Riedlingen                                    Möhringen, den 5. Juli 1949

An das Priesterreferat in Königstein!
Betreff: Ausweisungsberichte kann ich nicht viel berichten. Ich war Katechet in Karlsbad, war in Pension, d.h. Pension habe ich nicht erhalten. Über Karlsbad werden Sie von anderer Seite genug erfahren haben, es war nicht so schlimm wie an anderen Orten. Selbstmorde sind verschiedene vorgekommen, einen Herrn wollte ich retten, er war Professor, aber so verzweifelt, daß alles Zureden umsonst war. Auch Morde an Deutschen sind vorgekommen. Nach einem Begräbnis, gerade jenes Professors, zeigte man mir (…?) Stellen im Friedhof, die herrührten vom Blute Deutscher, die man ermordet und verscharrt hatte.
Einmal mußte ich in 20 Minuten meine Wohnung verlassen u. sollte mit der Haushälterin in eine Kellerwohnung, ganz klein, nur 2 Betten drin waren. Ich habe mich geweigert, u. habe den Leuten, die diese Wohnung bislang innehatten, den Schlüssel von ihrer Wohnung wiedergegeben. Andern Tags hat ein Kollege, der gut tschechisch konnte, mir die Wohnung wieder verschafft. Oft war ich Zeuge, wie Leute aus ihren Wohnungen gejagt und fortgetrieben wurden mit ihren wenigen Habseligkeiten, ja gestoßen und geschlagen wurden von den Partisanen, oder wie Wohnungen ausgeplündert u. die Sachen im Auto fortgefahren wurden.
Später habe ich die antifasch. Legitimation erhalten, wer sie mir verschafft hat, weiß ich heute noch nicht.1945 an Weihnachten kam ein Herr, den ich nicht kannte, und sagte mir, ich solle die antif. Legitimation im Büro der Antifa. abholen. Ich vermute, es war ein Jude, der als englischer Legionär mitgekämpft hatte. Diese Legitimation hat mich gerettet. Wie oft hatte ich Wohnungskommissionen, unter Polizeiaufsicht, die Legitimation hat mich jedesmal gerettet. Dieser Legit. habe ich es auch zu verdanken, daß ich meine Sachen mitnehmen konnte.
Hochachtungsvoll
V. Rebstock Pfr.

Růžena Vacková: Mit dem Glaube gegen die Totalität

Das Leben von Professorin Růžena Vacková stellt ein Zeugnis über den Weg des Christentums in der heutigen Welt dar. Růžena Vacková war eine Frau, die sich mit allen Irrtümern und Fallen abfinden musste, denen Menschen ihrer Zeit ausgesetzt waren. Durch die Kraft des Glaubens gelang ihr das fast Unmögliche. Mit bewiesenem Mut und Tapferkeit, Bildung und Intellekt kam sie auch damals durch, wenn viele Männer versagten. Durch Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft bot sie eine echte Einstellung zur Überwindung sozialer Widersprüche in der Gesellschaft. Durch die Verteidigung moralischer Prinzipien vertrat sie die Ideale der Staatsbürgerschaft in einer freien Gesellschaft. Berechtigt können wir fragen, wo man die Kraft dazu findet, wie es möglich ist, dass eine Frau mit einer kleineren Figur, eine Angehörige des schwächeren Geschlechts, überhaupt eine solche Bewertung verdient? Die Lebensgeschichte einer zähen Kämpferin für menschliche Freiheit und Würde werden wir auf zwei Ebenen betrachten: natürliche und spirituelle.
Růžena Vacková wurde am 23. April 1901 in Velké Meziříčí in Mähren, in der Familie des Arztes Bohumil Vacek und seiner Frau Růžena geboren. Der Vater war ein fortschrittlicher tschechischer Patriot mit sozialem Empfinden, der zu den Gründern des tschechoslowakischen Roten Kreuzes und zum breiteren Kreis um Präsidenten Masaryk gehörte. Die Mutter beteiligte sich intensiv an den Aktivitäten des Vereins zur Unterstützung der Emanzipation von Frauen. Der Familie Vacek wurden zwei weitere Kinder geboren, eine Tochter Jiřina und ein jüngerer Sohn Vladimír. Die erfolgreiche Karriere des Vaters brachte die Familie nach Vyškov, wo Růžena am Gymnasium zu studieren begann. Nach der Entstehung der Republik zogen sie nach Brünn. Růžena war eine sehr talentierte Studentin und deswegen schrieb sie sich nach ihrem Abitur an der Karlsuniversität in Prag ein. Im Herbst 1920 schrieb sie sich für das Studium der klassischen Archäologie, Ästhetik und beim Dozenten Vojtěch Birnbaum für Kunstgeschichte ein. Auf die junge Studentin (und Mädchen an Universitäten studierten um diese Zeit wirklich wenige) machte Prag mit ihrem großstädtischem Leben und der linksorientierten kulturellen Avantgarde einen großen Eindruck, welche die Dichter, vereint in einer Gruppe Devětsil, vorstellten. Růžena besuchte sehr gerne Theateraufführungen, einschließlich des „Befreites Theater“ von Voskovec und Werich. In Prager Cafés traf sie viele führende Persönlichkeiten des kulturellen und intellektuellen Lebens der neuen Tschechoslowakei. Sie erlag jedoch nie radikalen linksorientierten Ansichten, so wie sie sich in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre, als sie sich für kurze Zeit der Welle der nationalen Patriotismus anschloss, dem extremen Nationalismus oder Faschismus widersetzte. Nach dem Krieg lehnte sie die kommunistische Ideologie ab. Vor dem Ende der 1920er Jahre traf sich die ganze Familie Vacek erneut in Prag. Růženas Vater wurde Direktor des Staatlichen Gesundheitsinstituts und mit einer Beförderung zogen sie von Brünn in eine von den Prager Villen.
Im März 1925 promovierte die Studentin von Prof. Hynek Vysoký zum Doktor der Philosophie. Sie schrieb eine Arbeit über die Entwicklung eines antiken Porträts. Ihre nächste Reise ging daher nach Rom, um das römische Relief für ihre Habilitationsschrift zu studieren. Růžena Vacková habilitierte 1930 als private Dozentin im Fach Klassische Archäologie. Sie schrieb Bücher, Theaterkritiken und arbeitete bis zur Schließung der tschechischen Hochschulen im November 1939 weiterhin als Assistentin, die bei Studenten immer beliebter wurde. Die Tür ihrer Wohnung in der Prager Kleinseite stand auch allen Studenten und einer Vielzahl von Freunden und Kollegen der Universität offen. Sie hörte auf, darüber nachzudenken, eine Familie zu gründen. Sie wollte sich ganz ihrer Arbeit widmen. Ein Mann trat jedoch schicksalhaft in ihr Leben ein. Sie trafen sich während des Protektorats in der St. Nikolaus Kirche, wo der junge Priester Josef Zvěřina als Kaplan arbeitete. Auch er konnte die akademische Jugend ansprechen und erregte die Aufmerksamkeit von Růžena Vacková. Später sagte er über sie: "Dieses Volk, das von Talenten nicht strotzt, behandelt sie schändlich. Es wird nie verstehen, wie es diese großartige Frau verletzt hat." Zwischen P. Zvěřina und Růžena Vacková, die 12 Jahre älter ist, ergibt sich nicht nur eine spirituelle Verbindung, die sie für den Rest ihres Lebens verbinden wird, sondern sie teilen auch das gleiche Schicksal von verfolgten und inhaftierten Gegnern des kommunistischen Regimes und zusätzlich auch berufliche Interessen. Josef Zvěřina wird auch Universitätsprofessor und lehrt Kunstgeschichte. Beide unterzeichnen die Charta 77 und beide werden posthum vom Präsidenten Václav Havel mit dem Tomáš-Garrigue-Masaryk-Orden ausgezeichnet.
Die Zeit der deutschen Besatzung ist für Růžena Vacková die Zeit der ersten schwierigen Lebensprüfungen. Ihr Bruder Vladimír, der Arzt ist, und auch ihr Schwager Alexandar Gjurič werden wegen Teilnahme am Anti-Nazi-Widerstand verhaftet und beide 1944 hingerichtet. Das schwache Herz von Růženas Mutter ertrug die Tragödie der Familie nicht und sie starb noch im selben Jahr. Das Anschließen an den Widerstand wurde auch für Růžena Vacková fast fatal. Sie half, illegale Funksprechgeräte umzustellen. Jedoch wurde sie von Gestapo aufgrund einer Anzeige im Februar 1945 wegen zahlreichen Besuchen in ihrer Wohnung verhaftet. Sie wurde verurteilt und wartete in der Todeszelle des Pankrác-Gefängnisses auf die Hinrichtung. In einer Gefängniszelle sollte sie eine persönliche Begegnung mit Gott und ihre Konversion erleben. Über ihre Beziehung zu Ihm schrieb sie: „Es ist nicht schwer, Gott zu kennen, aber es ist schwierig, sich ihm zu ergeben.“ Der Prager Aufstand am 5. Mai öffnete die Gefängnistür und so entkam Růžena Vacková dem Tod, wenige Tage vor der Hinrichtung.
Die Nachkriegsjahre bedeuteten eine scheinbare Gelegenheit für die Erneuerung eines freien Lebens. Die Rückkehr der Studenten und ihrer Pädagogen in die Schulen, sowie das Treffen der Familie, brachten neue Hoffnung in das Leben von Růžena Vacková. Geistlich unterstützten sie die Mitarbeiter und Nachfolger des Jesuiten Tomislav Kolakovič, der wegen einer antireligiösen Kampagne und wegen seiner Enthüllung des unmenschlichen Wesens des Sowjetregimes schon ein Jahr nach dem Krieg die Tschechoslowakei verlassen musste. Kolakovičs Katholische Aktion hinterließ mehrere Gruppen aktiver Christen in Prag, Brünn und Bratislava. Sie nannten sich Familie und in Prag wurde sie von P. Josef Zvěřina angeführt. Nach seiner Einberufung 1950 zu den technischen Hilfsbataillonen, also zu den Abteilungen der Zwangsarbeit unter dem Deckmantel des Militärdienstes, wurde P. Oto Mádr der Leiter. Růžena Vacková ist natürlich auch ein Mitglied dieser Gemeinschaft, die Debatten, Vorträge, Exerzitien, Sommerlager für Studenten und Versammlungen junger Katholiken veranstaltete.
Schon bald war klar, dass das Leben in der befreiten Republik in die falsche Richtung läuft. Nachkriegsgewalt und die Vertreibung der böhmischen Deutschen begleiteten die massenweise Verstaatlichung und im Juli 1946 wird die kommunistische Regierung von Klement Gottwald ernannt, deren Partei mit mehr als vierzig Prozent der Stimmen für lange Zeit die letzten Wahlen gewonnen hat, die einigermaßen noch frei waren. Und Růžena Vacková, die 1947 von dem Präsidenten Beneš erst zur zweiten Professorin der Karlsuniversität ernannt wurde, konnte über die Entwicklung nicht schweigen. Und nicht nur das. In den schicksalhaften Februartagen 1948 machte sie mit dem Zug der Studenten auf den Weg zur Burg, um den Präsidenten Beneš zu unterstützen und setzte sich eindeutig für die Verteidigung der Demokratie ein. Von den Universitätspädagogen war sie die einzige und sie setzte sich noch für die Studenten ein, die für ihre Teilnahme an dieser Manifestation ausgeschlossen wurden. Doch im Februar gewann der kommunistische Putsch und seine Folgen trafen nicht nur die Studenten hart, sondern auch die tapfere Professorin. Dem Lehrverbot folgte die Entlassung aus der Universität.
In den frühen fünfziger Jahren entscheidet sich die kommunistische Macht, hart gegen die katholische Kirche vorzugehen. Nach der Aufhebung der Klöster und der Internierung von Ordensleuten folgten Monster-Prozesse gegen "vatikanische Spione und Handlanger des amerikanischen Imperialismus". Im Januar und Februar 1952 wurden ThDr. Josef Zvěřina und Professorin Vacková verhaftet. ThDr. Oto Mádr befand sich schon am 1. Juni 1951 nach einem erfolglosen Fluchtversuch ins Ausland in Haft. Seit vielen Monaten bereitet die Staatsanwaltschaft sorgfältig Monster-Prozesse vor, um andere Spione des Vatikans aufzudecken und zu verurteilen und um alle andere Katholiken einzuschüchtern, die sich gegen das neue Regime aussprachen. Im Prozess mit der künstlich zusammengesetzten Gruppe „Bárta a spol.“, in der mehr als dreißig Personen vor Gericht gestellt wurden, einschließlich Josef Zvěřina, der 22 Jahre bekam, wurden die Teilnehmer zu insgesamt 435 Jahren Haft verurteilt. Oto Mádr stand an der Spitze einer weiteren künstlich geschaffenen zehnköpfigen Gruppe von Priestern, Nonnen und Laien, darunter Růžena Vacková. Oto Mádr wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, Růžena Vacková zu 22 Jahren. Sie wurde erst im April 1967 freigelassen, weil sie sich bei früheren Amnestien nachzufragen weigerte, mit der Begründung, dass zuerst die anderen politischen Gefangenen entlassen werden müssen. Die Brünner kommunistische Tageszeitung Rovnost schrieb dazu: „Diesmal verlor der Vatikan jedoch das Spiel gegen das tschechoslowakische Volk. Er hat seinen Kampf um unsere Jugend verloren. Seinen Agenten gelang es nach verzweifelten Bemühungen mit Hilfe von Beichtstühlen und Kirchenorgel nur Einzelpersonen zu werben. Der Vatikan musste verlieren und wird im Kampf um unsere jungen Menschen immer verlieren, weil unsere Jugend gesund ist, weil sie Jugend ist, die in einer glücklichen Gegenwart lebt und eine glückliche Zukunft vor sich hat. "
Auch unter den schwierigsten Bedingungen des Frauengefängnisses in Pardubice verhielt sich Růžena Vacková immer tapfer und half ihren Mitgefangenen. Bekannt sind ihre geheimen Vorträge, die auf Toiletten oder in der Nacht in den überfüllten Zellen stattfanden, welche ihre Mitgefangenen aufschrieben und sie dann heimlich in die Freiheit brachten. Im Jahr 1999 wurden sie unter dem Titel „Gefängnisvorträge“ veröffentlicht. Im Gefängnis verbrachte Růžena Vacková fast 16 Jahre ihres Lebens. Als sie zum zweiten Mal in Pankrác inhaftiert war, erinnerte sie beim Besuch von Verwandten an ihren vorherigen Aufenthalt dort in einer Todeszelle am Ende des Krieges. Dies machte den kommunistischen Aufseher so wütend, dass er den Besuch sofort beendete. Die kommunistische Diktatur hasste es, wenn ihr jemand den Spiegel vorhielt. Dafür beschrieb Růžena Vacková in ihrem Brief aus dem Gefängnis ihre Lebenseinstellung so: „Das ist das schwierigste und das schönste am Gefängnis, dass der Mensch Beziehungen zu anderen Menschen aufbaut, mit denen ihn am Anfang nichts verbindet, außer dass sie auch Menschen sind. Und Menschen, die unter den gleichen Bedingungen stehen. So versteht der Mensch, dass der Nächste der Nächste ist. … Und wenn er den Menschen aus Gott zu empfangen beginnt, wächst eine außergewöhnliche Verantwortung zum Nächsten, bis die evangelische Liebe kommt, die den Nächsten wie sich selbst liebt.“
Auch das Leben selbst war für sie nach der Freilassung nicht einfach. Ihren Vater traf Růžena Vacková auf freiem Fuß leider nicht mehr. Er starb im Alter von 94 Jahre zwei Jahre zuvor. 1969 wurde sie rehabilitiert, aber zwei Jahre später wurde die Rehabilitation unter dem Einfluss der sowjetischen Okkupation aufgehoben. 1968 nahm Růžena Vacková am öffentlichen Leben teil. Sie war eine der Gründerinnen des K231-Clubs, benannt nach der Nummer des Gesetzes zum Schutz der Republik, wonach die härtesten Haftstrafen in den 1950er Jahren fielen. Gemeinsam versuchten sie, alle politischen Gefangenen zu rehabilitieren. Sie engagierte sich im entstehenden „Club der engagierten Parteilosen (KAN)“. In ihrer Wohnung trafen sich wieder Freunde und Studenten. Nach der Unterzeichnung der Charta 77 im März 1977 nahm sie an der Beerdigung des ersten Sprechers der KAN, Professor Jan Patočka, teil. Patočka starb nach einem Herzinfarkt, den er während eines stundenlangen Polizeiverhörs erlitt. Růžena Vacková starb am 14. Dezember 1982 während des sogenannten Kalten Krieges und vor Beginn der letzten Phase des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei, der sog. Normalisierung. In den letzten Jahren ihres Lebens erlitt sie einen Schlaganfall, wonach sie ihre Sprache verlor. Ihre Wörter können uns heute noch mehr ansprechen: „Das Gute ist nicht matt, weil es langsam ist. Es ist langsam, weil das Böse nicht mit dem Bösen bekämpft werden kann. "

Tomáš Drobny
Übersetzung: Kamila und Dominika Novotna

Wegkoordinaten für die Zukunft Erinnern an 400 Jahre Schlacht am Weißen Berg

Am 8. November 2020 wurde in Prag an die Schlacht am Weißen Berg erinnert. Es war der 400. Jahrestag dieses Ereignisses, das maßgeblich den Fortgang der Geschichte der böhmischen Länder beeinflussen sollte. Angesichts der Corona-Pandemie konnte dieses Gedenken nur im kleineren Kreis und ohne Gäste aus dem Ausland begangen werden. Im Mittelpunkt der ökumenischen Feierlichkeiten mit Vertretern der verschiedenen Konfessionen, unter ihnen der Vorsitzende der Tschechischen Bischofskonferenz Erzbischof Jan Grauber, stand die Errichtung und Einweihung eines neuen Versöhnungskreuzes. Dies sei eine „böhmische, spirituelle Tradition“, erläutert P. Dr. Stanislav Přibyl von der Bischofskonferenz. Er hoffe, dass es „eine dauerhafte Erinnerung an das Ereignis am Weißen Berg“ werde.
„Die Geschichte dieses Kreuzes geht auf einen Besuch der Venio-Schwestern vom Weißen Berg bei den Benediktinerbrüdern im Stadtkloster in Hannover zurück“, erinnert sich Sr. Francesca Šimuniová. Besonders angesprochen habe die Prager Gäste damals deren Kapelle, die Prior Abraham Fischer OSB konzipiert hatte. Der Prior ist vom Beruf her Schmied und hat im Jahr 2017 anlässlich „500 Jahre Reformation“ ein spezielles Kreuz erstellt. Bei einem Besuch in Prag hatte er als Geschenk ein Modell dieses Christuskreuzes im Gepäck. Das Kreuz habe die Prager Schwestern mit Blick auf das Gedenkjahr inspiriert. „Nach Absprache mit dem Prager Erzbischof Duka und den Vertretern des Ökumenischen Rates und der Tschechischen Bischofskonferenz haben wir uns entschieden, das Symbol des Versöhnungskreuzes auch in den Mittelpunkt des 400. Gedenkjahres der Schlacht am Weißen Berg zu stellen“, berichtet Sr. Francesca. Als sich dann herausstellte, dass das vorhandene Kreuz nicht für Außenräume geeignet ist, war Prior Abraham ohne Zögern bereit, ein neues Versöhnungskreuz zu gestalten, welches dann am 8. November am Ort der blutigen Schlacht enthüllt werden konnte. Für Sr. Francesa hat das dreiteilige Kreuz eine besondere Symbolik: „Es symbolisiert den Himmel, die Anwesenheit Gottes und die Unerlässlichkeit seiner Gnade für wirkliche Versöhnung.“
Bis zum Schluss blieb es spannend, ob wegen der aktuellen Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus ein Gedenken überhaupt stattfinden könnte. „Dankend blicken wir auf das kleine Wunder, dass Prior Abraham mit seinen Mitbrüdern in einem Zug das Kreuz aufgestellt hat“, so Sr. Francesca. „Leider konnten sie wie viele anderen Gäste aus dem Ausland nicht an der Enthüllung teilnehmen.“ Umso mehr freue sie sich über das breite mediale Echo.

Zusammenfassung aus der Beschreibung des Kreuzes von P. Abraham:
Drei ineinander geschobene Raumkreuze bilden das neue Denkmal, das P. Abraham Fischer OSB aus dem Kloster Meschede geschaffen hat. Sie zeigen Richtung und sind wie Wegweiser. Zwei der Kreuze sind aus gerostetem Stahl, sie stehen für das „Damals“ mit dem Gegeneinander zweier Konfliktparteien und für die geschehene Gewalt. Ein himmelblaues Titankreuz „überhöht“ die anderen und sucht Wegkoordinaten für die Zukunft. „So können Wege in eine gemeinsame Zukunft entwickelt werden, die die Geschichte und auch die Gegensätze nicht verschweigen, die aber neue Lösungen sehen“, erläutert P. Abraham sein Werk. Das Kreuz wurde dem Versöhnungskreuz angeglichen, das im Jahr 2017 im Mittelpunkt des Gedenkens an 500 Jahre Reformation in Europa stand.

Ackermann-Gemeinde

Butterbrotfest in Sahorsch/ Záhoří

Liebe Freunde,
gerne möchte ich Sie zum diesjährigen Butterbrotfest/Chlebomáslová slavnost in Sahorsch/Záhoří in Westböhmen einladen. Die malerische Einschicht unter dem Wolfsberg/Vlčí hora liegt zwischen den Orten Tschernoschin/Černošín, Tachau/Tachov und Mies/Stříbro. Die deutschen Landsleute aus Sahorsch und dem benachbarten Triebl/Třebel kommen alljährlich – seit 2007, heuer also zum 14. Mal! – zu dem wieder ins Leben gerufenen Fest, das seitdem zweisprachig, tschechisch und deutsch gehalten ist, im Geiste der gemeinsamen deutsch-tschechischen Eintracht und Herzlichkeit.
Dieses Jahr findet das Butterbrotfest ausnahmsweise erst am zweiten Samstag im Juni statt, also am 12. Juni 2021, um 14:30 mit dem Feldgottesdienst vor der renovierten Dreifaltigkeitskapelle oberhalb von Sahorsch.
Je mehr Interessierte auf der tschechischen Seite im Lauf der Jahre hinzu kamen (v.a. dank der engagierten stellvertretenden Bürgermeisterin vom nahen Ort Olbramov/ Wolfersdorf), je weniger, kann man sagen, kommen deutsche Landsleute dazu – sie werden immer älter. Die älteste Zeitzeugin, Antonia Filpe aus Triebl, hat vor einigen Tagen ihren 95. Geburtstag gefeiert und vielleicht wird es heuer nicht nur für sie das letzte Mal sein, da sie „nach drüben“ kommen kann…
Wir sind zuversichtlich und hoffen alle, dass bis Juni die Grenzen wieder geöffnet werden.
Auch aus diesem Grund lade ich Sie ein, die Gelegenheit zu nutzen und wenn es Ihnen möglich ist, zu kommen. Wenn Sie den deutsch-tschechischen ökumenischen Gottesdienst unter freiem Himmel vor der eineuerten Kapelle in Anwesenheit des sympathischen katholischen Pfarrers aus Plan/ Planá und der jungen Pfarrerin der Böhmischen Brüder aus Tschernoschin/ Černošín miterleben möchten, wenn Sie von verschiedenen duftenden, hausgebackenen Broten mit hausgemachter Butter oder Griebenschmalzaufstrich kosten (und dazu das Chodovar – Bier aus Kuttenplan/ Chodová Planá trinken) möchten, wenn Sie gut zu Fuß unterwegs sind und sich in der malerischen Landschaft etwas ergehen wollen (selbst Goethe hat der Überlieferung nach den Wolfsberg mit seiner wunderschöner Aussicht zum Ziel seiner zahlreichen Ausflüge in Westböhmen gemacht!), wenn Sie die „böhmische Gastfreundschaft“ erleben möchten, so sind Sie herzlich eingeladen.
Im Rahmen der deutsch-tschechischen Begegnung gibt es auch eine Lesung aus meinem vor ein paar Monaten erschienenen zweisprachigen Buch über die Lebensschicksale von Zeitzeugen sowohl der deutschen, wie auch der tschechischen Zunge, die sich an das Kriegsende erinnern, „Mai 1945 in der Tschechoslowakei. Erinnerungen jenseits und diesseits der Grenze / Květen 1945 v Československu. Vzpomínky na jedné i druhé straně hranice.“

Mit herzlichen Grüßen und in der Hoffnung auf ein Wiedersehen

Kateřina Kovačková

Liturgische Beobachtungen in der Corona Zeit und Gedanken über das „Danach“

„Ihr werdet euch noch wundern…!“ So hob einst Udo Jürgens zu seinem Schlager „mit 66 Jahren“ an. Nun wissen wir, dass sich das Leben nicht immer an eine numerische Reihe hält, die wir Menschen uns ausgedacht haben, daher eignen sich diese Gedanken auch, wenn es noch keine 66 Jahre sind.
Anlass ist denn auch kein Jubiläum, sondern der massive Einschnitt in die Liturgie, den wir derzeit erleben. Ja: vermutlich der massivste Einschnitt, den sie seit der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 58 Jahren erlebt. Sage mir keiner: das ist ja nur eine Pause! Ich meine, dass wesentliche Elemente der Liturgie nach Corona verändert bleiben werden. Die folgende Aufzählung ist spontan und unsortiert. Auch wird man sie sicher noch ergänzen können.
Die erste Änderung betrifft das Betreten (und Verlassen) des Kirchenraums. Zwei Aspekte fallen auf: der eine grundsätzlich, der andere, wenn auch Liturgie gefeiert werden soll. Seit vielen Monaten betreten wir wohl erstmals seit Jahrhunderten die Kirche durchgehend „trocken“, weil die Weihwasserbecken „stillgelegt“ sind. Wenn es auch inzwischen Corona-konforme Alternativen wie z.B. Spendersysteme gibt, so ist das sinnfällige Zeichen der Tauferinnerung doch seiner wesentlichen Haptik beraubt. Ulkig wird es, wenn die Menschen die verschiedenen Spender verwechseln und sich mit dem Desinfektionsmittel bekreuzigen oder gar mit dem Weihwasser die Hände einreiben. Schon länger gilt zwar meine größere pastorale Sorge den ausgetrockneten (wenn überhaupt noch vorhandenen) Weihwasserkesselchen im Eigenheim. Jedoch sollten wir uns nicht mit dem Mangel in der Kirche abfinden. Freilich liegt darin – wie in allem – auch eine Chance: die immer wieder bewusst zu machende Taufgnade kann nun auch im Wort deutlicher benannt werden, etwa indem man das Kreuzzeichen am Beginn der Feier öfters anspricht/ausdeutet, das sonntägliche Asperges neu entdeckt. Kann nicht auch der Mangel an Tauferinnerung hergenommen werden, um an den Mangel des Lebens aus der Taufe zu erinnern und so den Bußakt noch mehr zu verwurzeln?
Dann: Während Lektorat und Akolythat in den vergangenen Wochen – weil der Hl. Vater diese Ämter nun auch ausdrücklich für Frauen geöffnet hat – neu ins Blickfeld geraten, etabliert sich ein weiteres Amt, das früher zu den „niederen Weihen“ gehörte auf einmal ganz neu, nämlich der Dienst des/r Ostiariers/in! In meiner Gemeinde bezeichnete eine der Damen von Anfang an den „Ordnerdienst“ den sie ausübt selbstbewusst als Begrüßungsdienst! Ein erstes Wort für jeden an der Tür, eine sich vertiefende neue Bekanntschaft, ein Willkommen heißendes Lächeln, das trotz Maske sicht- und hörbar ist: in den Augen, an der Stimme. Wenn auch dieser Dienst aufwendig ist und sicher nicht einfach fortgeführt werden wird, so ist er vielleicht wenigstens an den Festtagen eine auch zukunftsträchtige, schöne Geste der Gemeinschaft!
Die nächste Änderung fällt hörbar aus, denn zumindest jetzt, da diese Zeilen abgefasst werden und im Geltungsbereich unserer Diözese (und vmtl. in vielen anderen), ist der Gemeindegesang untersagt. Nun habe ich ja schon in den letzten Mitteilungen einiges dazu geschrieben. Neu ist nach den Erfahrungen der letzten Wochen auch für mich die Frage: Was fehlt wirklich und was könnte vielleicht auch im positiven Sinn bleiben? Wenn man die liturgischen Umwälzungen der letzten einhundert Jahre betrachtet (1922 feierte P. Pius Parsch seine erste „Betsingmesse“), dann darf man sagen, dass das deutschsprachige Lied-Erbe ja Segen und Last zugleich ist. Segen, weil schon früh durch gemeinsamen Gesang und Gebrauch der deutschen Sprache die aktive Teilnahme aller Mitfeiernden und das Verständnis für das Gefeierte gewachsen ist. Last, weil mit der Liederlastigkeit die Eigenheit liturgischen Gesangs im Gegensatz zum (Volks-)Lied oder Schlager leicht unter die Räder kommt. Nun freue ich mich darauf, wenn die Gemeinde wieder kräftig und zur Erbauung der Seelen ein schönes Kirchenlied anstimmen kann! Jedoch wird auch der Dienst des Kantors hoffentlich mehr geschätzt werden und bleiben! Mit ihm mehr Wechselgesänge und Ordinarien, die sich an den Text halten – und nicht zuletzt der Antwortpsalm als wichtige Frucht des „Tisches des Wortes Gottes“, die vielerorts bislang in der Verpackung blieb und nicht auf denselben kam!
Was wir gerade schmerzlich vermissen, ist ungezwungene Berührung und Nähe: die Umarmung eines Freundes, einen kräftigen Händedruck. Das ist schon im Zivilleben bedauerlich, in der Liturgie umso mehr. Ich war noch nie ein Freund des Kommandos: Gebt Euch! Ich habe immer den Gruß mit dem liturgischen Dienst ausgetauscht und aus den Augenwinkeln gesehen, wie es die Gemeinde mit den Nachbarn ebenso hält. Wenn man uns Deutschsprachigen in der Liturgie etwas nachsagen kann, dann ist es Steifheit. Wer aus der Weltkirche zu uns kommt, verwechselt das manchmal mit Kälte oder mangelnder Freude. Hier täte man uns Unrecht! Dennoch verträgt auch unsere Kultur Mut zu mehr Emotion, Gebärde und leiblichen Ausdruck. Ich fürchte dass hier auf lange Zeit, vielleicht sogar für immer Unsicherheit bleiben wird. Ähnliches gilt mit schierer Nähe: im Moment sind alle eineinhalb Meter voneinander entfernt. Ob sie sich daran gewöhnen werden, wieder mehr zusammen zu rücken? „Dank“ rückläufiger Gottesdienstbesucherzahlen wird das das Jahr über weniger ein Problem sein, aber was geschieht an den Feiertagen? Hier kann ich nur hoffen, dass es „draußen“, in Biergärten, bei Volksfesten, in Theatern, Konzertsälen und Kinos wieder so „normal“ wird, dass wir auch in der Kirche wieder gelassener nebeneinandersitzen. Nutzen dieser Zeit (und der darf bleiben!):die vorderen Bänke sind mangels Alternative wieder besser besetzt!
Was kann noch bleiben? Die Händedesinfektion vor der Kommunion, wenigsten in der Erkältungszeit, für die hinzutretenden Dienste genauso wie noch einmal für den Zelebranten! Das eine oder andere mal vielleicht sogar eine Maske. Was haben wir die Asiaten immer belächelt! Und? Geht es Ihnen genauso? Ich hab mich heuer nicht nur nicht mit Corona angesteckt, sondern auch nicht mit der Grippe oder einem schlichten Erkältungsvirus. Natürlich darf man darüber nachdenken!
Zuletzt ein Herzensanliegen der Vollform der Eucharistiefeier, die Kommunion unter den Gestalten von Brot UND Wein. Aktuell: keine Mundkommunion und damit auch kein Eintauchen. (Was ich persönlich eh als defizitär empfinde, sagt doch der Herr: „Esst und trinkt!“ und nicht „Lasst tunken und reichen!“ – übrigens auch nicht: „tunkt selber …“.) Erst recht nicht geht der Gedanke, dass Mehrere aus einem Gefäß trinken – und das wird auf lange Zeit hin so bleiben. Meine Alternative an Weihnachten? 60 kleine Trinkgefäße aus Ton, einzeln getöpfert und mit christlichen Symbolen verziert. Kommunionhelfer (da braucht man sie wirklich!!!), die die mit weißem Tuch bedeckten Tabletts andächtig halten und den Kommunikanden entgegenstrecken. Ministranten, die die Gefäße mit Achtsamkeit auf einem zweiten Tablett wieder entgegennehmen. Vielleicht ist diesmal sogar jemand zum Blut Christi hinzugetreten, den die bisherige Praxis bislang davon abgehalten hat.
Gemäß dem besten Blick auf das Glas Wasser, das zur Hälfte gefüllt ist, sollten wir die Zeile beherzigen „… da fängt das Leben an!“
Holger Kruschina