Inhalt 2026-1
Vorwort des Vorsitzenden
Hirtenbrief von Bischof Stanislav Přibyl zum Jahr der Versöhnung 2026
Erster Versöhnungsgottesdienst in Philippsdorf
Predigt von Bischof Stanislav Přibyl beim Pilgergottesdienst in Philippsdorf
Gebet um Versöhnung
Termine der Versöhnungsgottesdienste
Stanislav Přibyl – neuer Erzbischof von Prag
Gedenkgottesdienst zum 80-jährigen Jubiläum der Ackermann-Gemeinde
Gottesdienst, Kranzniederlegung, Gedenkstunde in Furth im Wald
Der Weg zum gotischen Fenster in Gerlsdorf
Monsignore Herbert Hautmann zum Gedenken
Als Begeisterte für den Synodalen Weg der Weltkirche
Jahrestagung und Mitgliederversammlung
Vorwort des Vorsitzenden
Der Friede sei mit Euch!“ Wenn der Auferstandene sich seinen Jüngern offenbart, dann kehrt Friede ein. Es ist mehr als nur zu vermuten (auch wenn ich jetzt nicht im Urtext, der ohnehin griechisch ist, blättere), dass er dabei nicht die Pax romana, sondern den Schalom im Sinn hatte. Dieser Friede Gottes, der alles menschliche Verstehen (vgl. Phil 4,7) übersteigt, er ist es den die Welt schon immer braucht.
Seit meinem letzten Vorwort ist es ein gewaltiger Krieg mehr geworden, der vermutlich noch nicht vorbei ist, wenn diese Worte gedruckt und Ihnen zugegangen sind. Einmal mehr wird so viel Energie in Zerstörung gesteckt, wo wir sie doch sparen und zum Aufbau allein verwenden müssten. Von den Menschenleben, die ja irgendwie nichts mehr zu gelten scheinen, ganz zu schweigen.
„Der Friede sei mit Euch!“ Das freilich sagt kein weichgespülter Guru, sondern einer durch die finale Katastrophe eines Lebens gegangen ist, ein „Gott mit uns“ der Folterkeller und der Leichenberge, das ist gewiss. Möge er auch mit denen sein, die an den Knöpfen und Hebeln sitzen… . Ein Gott freilich auch, der angesichts des menschengeschichtlich offenbar Unvermeidlichen einen Trumpf aus dem Ärmel zieht, der unsere letzte Hoffnung ist.
Das entbindet freilich nicht davon, die Hoffnungen davor nicht auch ernst zu nehmen und deren Erfüllung möglich zu machen. Und so schlagen wir einmal mehr Brücken im Kleinen als Sudetendeutsches Priesterwerk, versuchen wir alle von Ferne Leid zu lindern, Helfer zu unterstützen, von dem, was wir genug haben mehr zu geben und die Hilflosen nicht nur mit Gebet zu vertrösten, sie damit aber auch zu stärken.
Und wir wollen ein Beispiel geben, was es heißt, Brüder und Schwestern zu sein über Sprach- und Landesgrenzen und alte Gräben hinweg. So nutze ich dieses Vorwort auch, um dem neuen Primas im Prager Veitsdom, Bischof Stanislav Přibyl, alles Gute und Gottes Segen für seine verantwortungsvolle Aufgabe zu wünschen. Als Bischof ist es sein Privileg und sein Auftrag, die Menschen mit „Der Friede sei mit Euch!“ zu grüßen – wünschen dürfen wir ihn einander freilich alle:
Schalom!
Pfarrer Holger Kruschina
Vorsitzender des SPW
Ostergruß des Vertriebenenbischofs
Tod, wo ist dein Sieg?
Die Künstlerin Hildegard Hendrichs (1923-2013) hat in Erfurt und im Umfeld des Bistums Erfurt zahlreiche Kunstwerke in Holz, Metall und mit Gemälden geschaffen, die größtenteils in einer großen Ausstellung im Jahr 2023 anlässlich ihres 100. Geburtstags in der Erfurter Schottenkirche gezeigt wurden. Diese Künstlerin hatte versucht, aus ihrem tiefen Glauben heraus die Verbindung zwischen dem leidenden und auferstandenen Christus zu schaffen und darzustellen.
Christus mit Dornenkrone und mit einem leichten Lächeln – das ist sicherlich eine Darstellung, die nicht überall Gefallen findet. Konnte denn der gemarterte Christus noch lächeln und zuversichtlich schauen? Der Glaubende kann die Verbindung herstellen, weil er weiß, mit welcher inneren Haltung Jesus Christus den Kreuzweg angenommen hat und gegangen ist. Aus Liebe zu uns Menschen, die er frei sehen wollte von aller Schuld, hat er Leiden und Tod auf sich genommen. Wenn auch äußere Qual für ihn damit verbunden war, so war auch die Zuversicht dabei, dass es kein sinnloses Leiden ist, sondern für uns Menschen Erlösung bedeutet, denn Christus hat stellvertretend alle Schuld der Welt auf sich genommen, die wir Menschen nicht aus der Welt schaffen konnten.
Am Osterfest dürfen wir mit dem Auferstandenen jubeln, weil es einen Ausweg aus unserer Schuld gibt. Diesen Jubel können jedoch nur diejenigen nachvollziehen, die auch erkannt haben, dass sie erlösungsbedürftig sind. Ohne die Einsicht in das eigene Versagen und die Erkenntnis, dass wir uns nicht selbst davon erlösen können, wird es den Osterjubel nicht geben. In unserer Zeit wird die Schuld gern abgeschoben und anderen Menschen auferlegt. Beim Nachdenken entdecken wir aber doch unser eigenes Unvermögen, eigenes Versagen zu erkennen und Schuld zu verzeihen oder wenigstens böse Gedanken abzulegen, die wir gegen Mitmenschen hegen.
Angesichts von Vertreibung und Krieg wird die Schuldfrage gestellt und kommt der Ruf nach Versöhnung auf, wobei meistens erkannt wird, wie gewaltig die Schuld ist, die kein Mensch allein tragen kann. Die Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg wissen selbst um diese Problematik und auch heute steht wieder die Frage an, wer alles Leid durch Vertreibung und Krieg tragen und zu einer Lösung und Erlösung führen kann.
Wir schauen in unserem Osterbild auf Christus, der uns sagen will: „Ich habe aus Liebe zu euch alle Schuld auf mich geladen.“ Es gibt einen, der mit uns durch die Schuld zur Erlösung gegangen ist. Er hat Licht gebracht, das wir in der Osternacht eindrücklich erleben, wenn die Osterkerze in die dunkle Kirche getragen wird. Das Licht geben wir dann weiter und damit erhellt sich unsere Welt. Alles hat aber eine Ursache und einen Anfang: In der Liebe Jesu Christi.
Ein gesegnetes Osterfest und die Freude am neuen Leben durch den Auferstandenen wünscht von Herzen!
Weihbischof Dr. Reinhard Hauke
Ostergruß des Präses der Sudetendeutschen
Liebe Schwestern, liebe Brüder,
wir sind glücklich angesichts der weltpolitischen Veränderungen in einer Demokratie leben zu dürfen. Aber vieles ist gefährdet - der Friede, die Zukunft in Freiheit und der Glaube der nächsten Generation.
Doch wir haben eine echte Hoffnung - Ostern - Christus ist für uns der Garant einer guten Zukunft.
Ihnen allen frohe, gesegnete Ostern!
Ihr dankbarer
Dieter Olbrich
Hirtenbrief von Bischof Stanislav Přibyl zum Jahr der Versöhnung 2026
Bischof Stanislav Přibyl erklärt das beginnende Jahr 2026 in der Diözese Leitmeritz zum Jahr der Versöhnung. In den Jahren 1945–1946 fand auch auf dem Gebiet dieser Diözese die oft sehr gewaltsame Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung statt. Gemeinsam mit Historikern und weiteren Partnern wählt der Bischof zwölf Orte aus, an denen Gewalt geschah und Menschen ums Leben kamen, mit der Absicht, diese Orte schrittweise zu Wallfahrtsorten der Versöhnung zu machen.
Schwestern und Brüder,
wieder ist ein Jahr vergangen, und wir stehen an der Schwelle eines neuen Jahres. Wir nehmen Abschied vom Jahr 2025 und blicken mit Hoffnung und einer gewissen Neugier auf das eben beginnende Jahr 2026. Der Rückblick sollte mit Dankbarkeit verbunden sein – für die vielen Gaben, die wir von Gott und von den Menschen empfangen haben, für viele inspirierende Begegnungen und vielleicht auch für manche Lektionen, die uns das Leben erteilt hat. Zum Rückblick gehören auch die Gewissenserforschung und die Bereitschaft einzugestehen, dass nicht alles, was wir gedacht, gesagt und getan haben, richtig war, und dass wir auch oft versagt haben, indem wir stehen geblieben sind, wo ein klarer Schritt nötig gewesen wäre: für jemanden einzutreten, jemandem zu helfen, unsere Meinung und Überzeugung klar zum Ausdruck zu bringen.
Jahreszahlen erinnern uns zudem an Ereignisse der Vergangenheit – wir gedenken verschiedener Jubiläen.
Die Abrechnung nach dem Krieg
Zu Beginn des Jahres 2026 liegt mir auch ein Jahrestag besonders am Herzen, den ich gerade für unsere Diözese als sehr wichtig erachte. Im Jahr 1945 endete nicht nur der Krieg, sondern auch das Wüten des Nationalsozialismus, eines extremen Nationalismus und einer Ideologie, die Millionen von Menschen das Leben kostete, weil sie behauptete, der eine Mensch sei mehr wert als der andere und deshalb müssten bestimmte Menschengruppen beseitigt werden. Es erscheint uns wie eine dunkle Vergangenheit, doch dieses unchristliche und unmenschliche Denken über den Menschen ist leider bis heute lebendig.
Vor achtzig Jahren erlebten die Menschen die Freude über das Ende des Krieges und den Frieden, doch neben der Euphorie kam es auch zur Abrechnung – mit den Menschen und mit der Vergangenheit. Diese Abrechnung nahm an vielen Orten Mitteleuropas die Form der Umsiedlung der ursprünglichen Bevölkerung und der Neubesiedlung an, um das Problem des nationalen Zusammenlebens zu lösen. In unserer Diözese betraf dies die Vertreibung der deutschen Bevölkerung. Ich möchte nicht bewerten, ob dies richtig oder falsch war – das ist eher Aufgabe der Historiker. Doch bis heute ist auf Schritt und Tritt zu sehen, dass die Vertreibung der Deutschen viele Wunden hinterlassen hat, die sich in der Landschaft, in der Bebauung, vor allem aber in der Beziehung der heutigen Bewohner zur eigenen Vergangenheit und zur Geschichte des Ortes, an dem sie leben, zeigen. Zeugnisse dieser Ereignisse sind bis heute viele verfallene Häuser ohne Eigentümer, Kirchen, die verfallen, keine Nutzung haben und nur langsam wieder ins Leben zurückfinden. Die tiefsten Wunden jedoch hat dies in uns Menschen hinterlassen. Das Prinzip der Kollektivschuld sowie der oft begleitende Zorn und der Wunsch nach Rache, das plötzliche Erlangen von Besitz ohne Arbeit und ohne tiefere Bindung an den Ort – all dies hat vor allem in uns und zwischen uns tiefe Narben hinterlassen.
Achtzig Jahre Ackermann-Gemeinde
Wir Christen wussten darum, und so entstand bereits am 13. Januar 1946 in Deutschland die Ackermann-Gemeinde, ein Zusammenschluss katholischer Christen, die sich zum Ziel setzten, in christlichem Geist für die Versöhnung zwischen Deutschen und Tschechen zu wirken. Das Gründungsdatum war nicht zufällig gewählt – es war der Jahrestag der Heilung der Magdalena Kade in Philippsdorf. Die Gemeinschaft besteht bis heute und hat außerordentlich viel Gutes bewirkt, wofür ich ihr aufrichtig danke. Viele ihrer Mitglieder haben ihr Leben der deutsch-tschechischen Versöhnung gewidmet.
Die hier angesprochene Vertreibung erfolgte bald nach dem Ende des Krieges, vor allem in den Jahren 1945–1946. Es sind also genau achtzig Jahre vergangen, seit viele derjenigen, die in den Häusern lebten, in denen wir heute leben, die die Kirchen besuchten, die wir heute besuchen, ihre Heimat verlassen mussten. Dies war gewiss nicht von Freude begleitet, sondern vielmehr von Trauer, Verzweiflung und dem Wunsch nach Vergeltung. Von unserer tschechischen Seite kam es nicht selten zu Exzessen: zu Plünderungen, Vergewaltigungen, Erniedrigungen – bis hin zu dem Ausmaß, dass nicht wenige der vertriebenen Deutschen aus Verzweiflung den Freitod wählten.
Massaker auch in unserer Diözese
Der Höhepunkt dieser Taten waren Ereignisse, die ohne Übertreibung als Massaker bezeichnet werden können, wie etwa in Aussig an der Elbe oder in Postelberg. Diese Ereignisse verschonten auch die Geistlichen nicht: In Saaz wurde ein Kapuziner zu Tode geprügelt. Das Kloster Ossegg wurde praktisch aufgelöst, und auch mein Vorgänger Anton Alois Weber geriet in die Vertreibung, obwohl er während der gesamten Jahrzehnte seines Episkopats für die Tschechen ein Tscheche, für die Deutschen ein Deutscher war – „allen alles, um auf jeden Fall wenigstens einige zu retten“ (vgl. 1 Kor 9,22). Zwar wurde er letztlich aus dem Transport herausgenommen, doch der Staat verbot ihm, den Großteil seiner bischöflichen Vollmachten auszuüben und Kontakte zu den Behörden zu pflegen, da er deutscher Nationalität war. Später trat er zurück und starb 1948 völlig erschöpft und entkräftet. In der Kathedrale befindet sich sein Epitaph mit den Worten: „Möge ewigen Frieden genießen, wer hier auf Erden keinen Frieden hatte.“ Ich halte diesen meinen Vorgänger für einen heiligen Menschen und bin der Meinung, dass er mehr Aufmerksamkeit und Verehrung verdient hätte.
Zwölf Gottesdienste der Versöhnung
Was aber können wir heute tun? Es ist niemals zu spät, zurückzublicken und mit den Mitteln, die Gott uns gegeben hat, menschlich Unlösbares anzugehen – und das sind gegenseitige Vergebung und Versöhnung. Nach Beratung im Priesterrat habe ich daher beschlossen, das Jahr 2026 zum diözesanen Jahr der Versöhnung zu erklären. Sein Kern werden zwölf Gottesdienste der Versöhnung sein, die in der Regel an Orten stattfinden werden, an denen die Vertreibung besonders unmenschlich war. Ich würde mich freuen, wenn diese Gottesdienste in ökumenischem und interreligiösem Geist gestaltet werden, und bete gern gemeinsam mit Christen anderer Konfessionen sowie mit Juden, unseren älteren Brüdern im Glauben. Ebenso freue ich mich, wenn wir bei dieser Gelegenheit den Heimatvertriebenen begegnen, den Menschen, die bis zum Ende des Krieges bei uns zuhause waren, oder ihren Nachkommen. Die Gottesdienste werden durch Berichte aus den jeweiligen Orten ergänzt, die wir gemeinsam mit Historikern erarbeiten werden.
Vielleicht sagen Sie sich, man solle mit der Versöhnung doch endlich aufhören – es seien schließlich achtzig Jahre vergangen, und man hole nur alte Geschichten aus den Gräbern. Doch ebenso wie in unserem persönlichen Leben gilt auch für das historische Gedächtnis: Verschweigen löst keine Probleme. Im Gegenteil – alte Wunden müssen geöffnet werden, damit sie heilen können. Wird es eine endgültige Heilung sein? Das weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass es ein wichtiger Schritt in einem Heilungsprozess sein wird, den unsere Region noch immer dringend braucht. Und es muss hinzugefügt werden, dass es Orte gibt, an denen diese Versöhnung bislang erst ganz am Anfang steht.
Lebensspendende Vergebung
Darum rufe ich Sie, liebe Schwestern und Brüder, auf, sich an diesem Prozess der Versöhnung zu beteiligen – im Bewusstsein, dass wir, auch wenn wir nicht diejenigen waren, die vor achtzig Jahren ihren Nächsten Unrecht taten, doch von jener lebensspendenden Bewegung der Vergebung leben, um die wir in dem Gebet bitten, das uns unser Herr Jesus Christus selbst gelehrt hat:
„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“
Und wo ist die Freude über das neue Jahr und der Segen für dieses Jahr? Nach meiner tiefen Überzeugung sind sie gerade die Frucht von Vergebung, Versöhnung und Heilung. Es ist wie nach einer Krankheit: Plötzlich freuen wir uns über viele Kleinigkeiten, die wir zuvor nicht wahrgenommen haben, und wir spüren die Kraft, neu zu beginnen – mit einer neuen Perspektive und neuem Elan. Das wünsche ich uns allen von Herzen.
Das Werk der Versöhnung in unserer Diözese vertraue ich der Patronin des heutigen Tages an, der Jungfrau Maria, der Mutter Gottes. Wir sind ihre Kinder, weil wir Brüder und Schwestern Christi sind. Ich glaube, dass sie für uns Fürsprache einlegt und das Bemühen ihres Sohnes kraftvoll unterstützt, damit wir alle nach seinem Reich verlangen, das ein „Reich der Wahrheit und des Lebens, ein Reich der Heiligkeit und der Gnade, ein Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens“ ist (Präfation vom Hochfest Christus König).
In diesem Geist bin ich mit Euch verbunden und segne Euch!
+ Stanislav, Bischof
Erster Versöhnungsgottesdienst in Philippsdorf
Bischof Stanislav Přibyl hat das Jahr 2026 zu einem „Jahr der Versöhnung“ erklärt. Im Mittelpunkt stehen daher zwölf Versöhnungsgottesdienste – oft an Orten, an denen besonders Unmenschliches geschehen war – z.B. Theresienstadt, Kloster Osseg, eine Wallfahrt von Saaz nach Postelberg oder Aussig. Zu diesem Gebet lädt Bischof Přibyl auch Christen anderer Konfessionen und Juden ein – und es würde ihn freuen, bei dieser Gelegenheit Heimatleute zu treffen und ihre Nachkommen.
Beginn dieser Zwölferreihe war am 13.Januar in Philippsdorf – mit dem Hauptgottesdienst, wie immer zur Erscheinungsstunde um 4.00 Uhr morgens. Trotz des nächtlichen Regens, der alles mit einer dicken Eisschicht überzog und Gehen wie Fahren zum rutschigen Abenteuer machte, kamen von beiden Seiten der Grenze viele Besucher zur Messe. Darunter waren auch fünf Mönche aus dem brandenburgischen Zisterzienserkloster Neuzelle.
Zu Beginn des Gottesdienstes wurde auf tschechisch und deutsch das Anliegen des Versöhnungsjahres benannt und die Geschichte dieses besonderen Wallfahrtsortes kurz vorgestellt – verfasst vom Prager Historiker Jaroslav Šebek - gerade auch in Verbindung mit der Gründung der Ackermann-Gemeinde 1946. Er erinnerte dabei an den Augustiner P. Paulus Sladek, der aus der Diözese Leitmeritz stammte und dessen Geschichte die Komplexität der deutsch-tschechischen Beziehungen im 20. Jahrhundert widerspiegelt. Nachdem er sich für das nationale Konzept des Glaubens begeistert hatte, erlebte er während der Schrecken des Zweiten Weltkriegs, der von Nazi-Deutschland ausgelöst worden war, eine Ernüchterung von dieser nationalen Begeisterung. Dies belegt auch sein Auftritt im August 1955 im bayrischen Haidmühle nahe der tschechischen Grenze, wo er unter anderem sagte, dass auch die Deutschen einen Teil der Schuld an ihrem Nachkriegsschicksal trügen, und damit als einer der Ersten versuchte, das gesamte Problem auch mit den Augen der anderen Seite zu betrachten – und das in einer Zeit, die einem offenen Dialog überhaupt nicht förderlich war – so Šebek.
In seiner tschechisch und deutsch vorgetragenen Predigt knüpfte Bischof Přibyl an dieses Anliegen der Ackermann-Gemeinde an.
Aus Anlass dieses 80-jährigen Gedenkens an Kriegsende, Vertreibung sowie Gründung der Ackermann-Gemeinde war als Vertreter der deutschen Botschaft in Prag deren Militärattache Rüdiger Heinrich gekommen – selbst, wie er sagte, ein Kind von Heimatvertriebenen. In seinem Grußwort am Ende des Gottesdienstes dankte er für die Einladung und überbrachte die Grüße des Botschafters Dr. Peter Reuss, sowie des deutschen Militärbischofs Franz Josef Overbeck von Essen. Heinrich griff den Gedanken der Predigt auf und zitierte die Worte Jesu am Kreuz:
„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ – Diese Worte seien das vielleicht stärkste Zeugnis für die transformative Kraft der Vergebung, die im Christentum verwurzelt ist.
Vergebung in der heutigen Zeit bedeute darum: „...inmitten von Kriegen, wie in der Ukraine oder in anderen Teilen der Welt, bleibt der christliche Ruf zur Versöhnung und zum Frieden aktuell. Wenn Christen bereit sind zu vergeben, zeigen sie eine größere Hoffnung auf eine Welt, die nicht von Gewalt und Rache beherrscht wird, sondern von Liebe und Verständnis.“
Vor dem Schlußsegen lud Bischof Přibyl alle ein, gemeinsam das Gebet – nacheinander in tschechisch und deutsch – zu sprechen, das die Diözese nun durch´s ganze Jahr begleiten wird.
Klaus Oehrlein
Predigt von Bischof Stanislav Přibyl beim Pilgergottesdienst in Philippsdorf
Versöhnung ist ein Weg nach vorn
Liebe Pilgerinnen und Pilger, Brüder und Schwestern,
Gerade sind die Worte des Evangeliums verklungen, in denen wir Marias Magnificat gehört haben. Es ist ein Lied, das Gott für seine Treue und für seine wunderbaren Taten preist, die das Schicksal der Menschen verändern. Die Stolzen, Satten und Mächtigen verlieren ihre Position, die Demütigen, Hungrigen und Geringen erhalten von Gott einen würdigen Platz und ein würdiges Leben. Gleichzeitig preist Maria in diesem Lobgesang Gottes Treue, denn derjenige, der Abraham und seinen Nachkommen etwas versprochen hat, erfüllt es nun. Maria nennt sich Magd des Herrn, sie weiß, dass alle Generationen sie preisen werden. Und das alles, weil Gott mächtig ist und sein Name heilig ist.
Auch wir sind heute, am 13. Januar 2026, um 4 Uhr morgens hier in Philippsdorf, gerade weil wir diese Haltung der Jungfrau Maria teilen. Wir bekennen, dass Gott mächtig, heilig und treu ist. Wir freuen uns, dass sich sein Heil in unserem Leben und im Leben der Menschen um uns herum zeigt. Wir möchten dabei sein und ein Teil davon sein. Wir stellen uns in den Dienst des Herrn und erwarten seine Aufmerksamkeit und Hilfe in Situationen, in denen wir nicht ausreichen, sowie Unterstützung in den Lebensumständen, die wir durch unsere eigenen Anstrengungen zumindest ein wenig beeinflussen können.
Heute kommen wir mit Dankbarkeit für 160 Jahre Wallfahrt an diesen Ort, für 100 Jahre seit der Erklärung dieser Kirche zur päpstlichen Basilika. Wir sind auch hier, weil vor 80 Jahren, genau heute, eine Handvoll Katholiken in München beschlossen hat, Böses nicht mit Bösem zu vergelten, sondern auf einen Neuanfang zu hoffen, gemäß den Worten der Jungfrau Maria an Magdalena Kade: „Mein Kind, von jetzt an heilt‘s.“ Was? Die Deutschen haben den Tschechen und die Tschechen den Deutschen enorme Schläge versetzt. Nationale Spannungen in dieser Region, Nationalsozialismus, Krieg und nach dem Krieg die Vertreibung der Deutschen. Jeder dieser Schritte brachte dieser Region und den Menschen, die hier lebten und leben, viel Leid. Vergeltung für Vergeltung, Zahn um Zahn, Auge um Auge, egal wem es trifft. Damals gründeten die Katholiken in München die Ackermann-Gemeinde, eine Gemeinschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Versöhnung in die so verletzten tschechisch-deutschen Beziehungen zu bringen. Viele haben ihr ganzes Leben diesem Ziel gewidmet, und ich möchte ihnen jetzt meine Dankbarkeit aussprechen.
Versöhnung ist jedoch ein Weg nach vorn und in diesem Sinne niemals abgeschlossen. Deshalb sind wir jetzt hier, um uns um Versöhnung zu bemühen. Um Versöhnung für historische Ungerechtigkeiten, aber auch um Versöhnung mit denen, mit denen wir heute zusammenleben. Wenn es keinen Frieden auf der Welt gibt, wenn es nicht gut um die Welt steht – und das ist der Fall –, dann beginnt alles im Herzen eines jeden von uns. Bitten wir also Christus durch die Fürsprache der Jungfrau Maria, dass wir stets darauf achten, dass unsere Nächsten Respekt und Segen verdienen, und dass wir bereit sind, uns zu entschuldigen und zu versöhnen, wo wir leben: in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Gemeinde, in der Pfarrgemeinde, in der Heimat. Lasst uns nach dem Vorbild der Jungfrau Maria Diener und Dienerinnen des Herrn sein, die auf seine Treue hoffen, aber auch darauf, dass er in der Lage ist, die Welt um uns herum und vor allem uns selbst zu verändern. Allein sind wir dazu nicht in der Lage, aber mit Gottes Hilfe kann es gelingen. Wenn wir in einer Haltung der Versöhnung leben, kann die Jungfrau Maria auch zu uns mit den tröstlichen Worten sprechen, mit denen sie Magdalena Kade angesprochen und geheilt hat: „Mein Kind, von jetzt an heilt‘s“, denn dann wird wirklich etwas geschehen. Diese Worte sind wahrhaftig Worte der Hoffnung, die wir und die Welt um uns herum hören müssen.
+ Stanislav Přibyl, Bischof von Leitmeritz
Gebet um Versöhnung
Guter Gott, wir bitten um Gnade für Versöhnung und Heilung der Wunden,
die Deutsche und Tschechen einander während der nationalsozialistischen Diktatur und während der Vertreibung nach dem Krieg zugefügt haben.
Wir vertrauen deiner Barmherzigkeit insbesondere all das Leid und das Böse an, das sie einander angetan haben.
Lehre uns zu erkennen, dass das Böse und seine Täter konkret sind, dass kollektive Schuld ungerecht ist und nur weiteren Schmerz hervorbringt.
Lindere unseren Schmerz, erfülle unsere Herzen mit Frieden und gib, dass wir immer zur Versöhnung bereit sind und füreinander aufmerksam sind.
Gib uns die Gnade, die Andersartigkeit des anderen mit Liebe und Verständnis anzunehmen, befreie uns von Misstrauen und ersetze es durch Großzügigkeit. Hilf uns, dass Freundschaft und Geschwisterlichkeit jedem Tag unseres Lebens Freude schenken.
Amen
Termine der Versöhnungsgottesdienste
Nach dem Auftakt in Philippsdorf gibt es folgende Termine für die Gottesdienste der Versöhnung:
Dienstag, 10. Februar, 18:00 Uhr: Gottesdienst der Versöhnung in Jung-Bunzlau.
Sonntag, 8. März, 9:30 Uhr: Rowensko bei Turnau. Versöhnungskreuz ca. fünf Minuten von der Kirche entfernt.
Sonntag, 19. April, 10:30 Uhr: Heilige Messe in Ossegg (und Maria-Ratschitz)
Samstag, 9. Mai, 15:00 Uhr: Gottesdienst der Versöhnung in Theresienstadt
Freitag, 12. Juni, 17:00 Uhr: Postelberg und Saaz, Heilige Messe und Pilgerfahrt von Saaz (13 Kilometer, 3:45 Stunden)
Freitag, 31. Juli, 14:00 Uhr: Das Gedenken an das Massaker in Aussig beginnt um 14.00 Uhr in Schönpriesen, anschließend geht es zur Beneš-Brücke, wo um 16:00 Uhr eine Gedenkfeier stattfindet. 18:00 Uhr folgt der Gottesdienst in der Erzdechanal-Kirche
Samstag, 8. August, 10:00 Uhr: Versöhnungsgottesdienste in Svor/Röhrsdorf und Böhmisch Leipa
Samstag, 19. September, 14:00 Uhr: Prozession vom Bergwerk Richard über die Kaserne unterhalb von Radebeule und Versöhnungsgottesdienst auf dem Friedhof von Leitmeritz.
Samstag, 17. Oktober, 10:00 Uhr: Heilige Messe in Böhmisch Kamnitz
Mittwoch, 18. November, 18:00 Uhr: Jüdisch-christliches Gebet in der Synagoge von Reichenberg.
Sonntag, 6. Dezember, 10:00 Uhr: Heilige Messe in Bilin
Stanislav Přibyl – neuer Erzbischof von Prag
Am 2. Februar 2026 hat Papst Leo XIV. den Bischof von Leitmeritz Stanislav Přibyl zum Erzbischof von Prag ernannt und damit zum Nachfolger von Jan Graubner, dessen Rücktrittsgesuch der Papst am gleichen Tag annahm.
Der 55jährige Redemptorist Stanislav Přibyl war seit März 2024 Bischof von Leitmeritz.
Seine Wertschätzung für die Sudetendeutschen und das Sudetendeutsche Priesterwerk brachte er dadurch zum Ausdruck, dass er dessen Vorsitzenden Holger Kruschina zum Ehrendomherr an der Kathedrale in Leitmeritz ernannte.
Aufsehen erregte Stanislav Přibyl mit seinem Hirtenwort zum Jahr 2026, das er zu einem Jahr der Versöhnung zwischen Tschechen und Deutschen ausgerufen hat. Wir wünschen ihm, dass er dieses Versöhnungswerk als Erzbischof und Primas von Böhmen erfolgreich fortsetzen kann.
Mathias Kotonski
Gedenkgottesdienst zum 80-jährigen Jubiläum der Ackermann-Gemeinde
Gegenseitige Vergebung und Versöhnung
Exakt 80 Jahre nach ihrer Gründung feierte die Ackermann-Gemeinde in der Asamkirche zu München mit einem Jubiläums- beziehungweise Gedenkgottesdienst ihr acht Jahrzehnte währendes Bestehen. Dabei zitierte Monsignore Dieter Olbrich in seiner Eigenschaft als Präses der Sudetendeutschen in seiner Predigt den jüngst vom Leitmeritzer Bischof Stanislav Přibyl veröffentlichten Hirtenbrief, in dem dieser an die Vertreibung der Deutschen vor 80 Jahren erinnerte und das Jahr 2026 in seiner Diözese zum Jahr der Versöhnung ausrief.
Die Vorsitzende der Ackermann-Gemeinde in der Erzdiözese München-Freising, Anita Langer, hieß zu Beginn der Eucharistiefeier die Gottesdienstbesucher willkommen. „Am 13. Januar 1946 haben sich hier in München einige Männer und Frauen aus dem Sudetenland getroffen und darüber nachgedacht, wie der Boden für die Deutschen aus Böhmen und Mähren bereitet werden kann, die aus ihrer Heimat vertrieben und in den nachfolgenden Monaten in zahlreichen Umsiedlungszügen in ganz Deutschland ankamen. Die Anwesenden des Treffens kamen überein, dass eine gegenseitige Unterstützung notwendig werden wird und das gemeinsame Schicksal im christlichen Geist der Versöhnung zu tragen sein wird. Auch wenn der Name noch nicht feststand, wird der 13. Januar 1946 als Gründungsdatum der Ackermann-Gemeinde gesehen“, erläuterte die Vorsitzende. Das Treffen damals in München sei Anlass gewesen, hier das Jubiläumsjahr mit einem Gottesdienst zu beginnen und damit die Gedenken an das 80-jährige Bestehen und Wirken der Ackermann-Gemeinde einzuleiten. Langer erinnerte auch daran, dass an jenem Tag das große Gelöbnisgebet gesprochen wurde, das der Augustinerpater Paulus Sladek formuliert hat. Einen Auszug daraus zitierte sie: „Allmächtiger, ewiger Gott! Deine Gedanken sind nicht unsere Gedanken, und Deine Ratschlüsse können wir nicht ergründen. Aber Du bist der Vater der Erbarmungen und der Gott allen Trostes. Auch wenn Du uns heimsuchst, Du willst uns retten. Dir wollen wir vertrauen, Deiner Vorsehung uns unterwerfen. Unser Leben legen wir in Deine Hand. Wir wollen es wieder ernst nehmen mit unseren Christenpflichten. Gedanken der Rache und neuer Vergeltung sollen nicht Macht gewinnen über unsere Herzen. Dir wollen wir unsere Sache anheimstellen, der Du Herr über alle Völker bist und alle vor Dein Gericht rufst“.
Der Zelebrant des Gottesdienstes, Monsignore Olbrich, freute sich in seiner Begrüßung über die gute Teilnahme und begrüßte besonders seinen Amtsvorgänger Monsignore Karl Wuchterl und den früheren Bundesgeschäftsführer der Ackermann-Gemeinde Matthias Dörr, mit dem er vor einigen Jahren – ebenfalls am 13. Januar - beim Gedenken zur Marienerscheinung in Philippsdorf/Filipov war. Auch dieses Ereignis vor nunmehr 160 Jahren gehört zu den Aspekten der Gründung des Verbandes. „Die Ackermann-Gemeinde hat einen guten Ruf, sie wird auch in Zukunft gebraucht werden“, betonte Olbrich.
Als Predigt las er den kürzlich vom Leitmeritzer Bischof Stanislav Přibyl veröffentlichten Hirtenbrief vor. Darin geht es in Erinnerung an die Jahre 1945 und 1946 um das Ende des Nationalsozialismus und auch um die Vertreibung der deutschen Bevölkerung.
Die Fürbitten trugen in deutscher und tschechischer Sprache Anita Langer und Kamila Novotná vor, bei der Lesung fungierte Cornelius Insel als Lektor. Besondere musikalische Impulse setzten mit einigen Instrumentalstücken Stephanie Kocher (Violine) und Anna Kocher (Hackbrett). Mit dem Gebet für Europa von Carlo Maria Kardinal Martini endete der Gottesdienst, dem auf den verschiedenen regionalen Ebenen der Ackermann-Gemeinde noch weitere Veranstaltungen folgen werden.
Markus Bauer
Erinnerung an die Ankunft des ersten Zugs mit Vertriebenen vor 80 Jahren
Gottesdienst, Kranzniederlegung, Gedenkstunde in Furth im Wald
„Wir müssen Grenzen gemeinsam überwinden“
Mit einem Gottesdienst in der Heilig-Kreuz-Kirche, einer Kranzniederlegung am Mahnmal vor dem Bahnhof und Gedenkstunde im Rathaus in Furth im Wald ist am an den Beginn der systematischen Vertreibung der Sudetendeutschen vor 80 Jahren gedacht worden.
In seiner Predigt würdigte Regionaldekan Holger Kruschina das Engagement des Leitmeritzer Bischofs Stanislav Přibyl, der 2026 zum „Jahr der Versöhnung“ ausgerufen hat.
Nach der Kranzniederlegung am Mahnmal vor dem Bahnhof eröffnete der Erste Bürgermeister Sandro Bauer im Rathaus die Gedenkstunde und erinnerte an den 25. Januar 1946, als der erste Zug mit vertriebenen Sudetendeutschen die bayerische Grenzstadt erreichte: „Für diese Menschen war Furth im Wald nicht nur ein geographischer Ort, sondern die erste Zuflucht nach Vertreibung, Angst und Entwurzelung.“ Anschließend seien täglich bis zu vier Transporte angekommen, was die Stadt vor enorme Herausforderungen gestellt habe. Aber, so der Bürgermeister, die Vertriebenen hätten Wissen, Können, Fleiß und Unternehmergeist mitgebracht. „Die Vertriebenen gründeten Betriebe und halfen beim Wiederaufbau unseres Landes.“
„Das heutige Treffen ist verbunden mit schmerzhaften Erinnerungen an eine Zeit, in der nationalistischer Hass das jahrhundertelange Zusammenleben unserer Vorfahren so stark beeinträchtigte und auf beiden Seiten so viel Leid und tiefe Wunden verursachte“, sagte Pavel Hořava. Der Generalsekretär der KDU-ČSL war extra aus Brünn angereist und warb für die Erkenntnis, „dass Nationalismus, Gewalt und gegenseitige Feindseligkeit nichts Gutes bringen“. Er freue sich deshalb, so Hořava, auf den Sudetendeutschen Tag in Brünn: „Lasst uns weiterhin die Verbundenheit und Freundschaft stärken. Das ist auch die beste Verteidigung gegen alle, die unsere gemeinsame europäische Heimat bedrohen wollen.“
Jan Kuchař, ehemaliges Mitglied des tschechischen Abgeordnetenhauses und ehemaliger Bürgermeister von Franzensbad, sagte, er sei als Tscheche alles andere als stolz auf das, was vor 80 Jahren passiert ist: „Wir dürfen das nicht vergessen, aber wir müssen weitergehen.“ Auch mit Blick auf die aktuellen Kriege und Krisen stellte Kuchař klar: „Es gibt keine Kollektivschuld.“ Im deutsch-tschechischen Verhältnis müsse man weiterhin dafür arbeiten, dass die Grenzen nur noch Striche auf Karten seien, aber keine Barrieren in den persönlichen Begegnungen.
Der Chamer Landrat Franz Löffler erzählte, dass sein Schwiegervater aus Heinrichsdorf in Böhmen stammte. „Wenn sich alle Menschen bewusst machen würden, was damals passiert ist, dürfte es auf der Welt keine Vertreibung mehr geben.“
Furth im Wald sei nicht Teil einer Grenzregion, sondern gehöre zu einer Herzregion Europas, führte Volksgruppensprecher Bernd Posselt in seiner Gedenkrede aus. „Diese Region ist der Ursprungsort der europäischen Idee“, sagte Posselt und spielte damit auf das 27 Kilometer entfernte Ronsperg an, wo Richard Coudenhove-Kalergi, der Gründer der Paneuropa-Idee, aufgewachsen ist.
„Wenn Sie sein Buch ,Paneuropa‘ aus dem Jahr 1923 heute lesen, läuft es Ihnen eiskalt den Rücken runter“, sagte Posselt und zitierte Coudenhove-Kalergi: „Europa hat nur dann eine Zukunft, wenn es als demokratische Gemeinschaft einen Weg findet zwischen der amerikanischen Finanzdiktatur und der russischen Militärdiktatur.“ „Wir müssen deshalb in Europa“, so interpretierte Posselt den Paneuropa-Gründer Coudenhove-Kalergi, „Grenzen gemeinsam überwinden statt sie blutig hin- und herzuschieben“.
Insbesondere Furth im Wald und die anderen Orte des Grenzlandes hätten als europäische Herzregionen im vergangenen Jahrhundert einen hohen Preis zahlen müssen. Erst die Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten und der Zweite Weltkrieg, dann die Vertreibung und schließlich der Eiserne Vorhang, der über Jahrzehnte die Menschen getrennt hat. „Furth im Wald ist deshalb ein besonderer Ort, um daran zu erinnern, wozu Menschen fähig sind – im negativen wie im positiven Sinn“, sagte Posselt.
Die Frage, was damals zur Vertreibung geführt habe, sei kein Thema für ein historisches Seminar, sondern hoch aktuell, führte Posselt aus: „Heute gibt es mehr Vertriebene und Flüchtlinge auf der Welt als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte.“ Dass Machthaber sich an Minderheiten stören, sei die Hauptursache für Flucht und Vertreibung, so der Volksgruppensprecher. Es gäbe aber keine falsche Religion, falsche Muttersprache oder falsche Abstammung, stellte Posselt klar und verwies als positives Beispiel auf den Mährischen Ausgleich, dessen 120-jähriges Jubiläum im vergangenen Jahr begangen wurde.
Posselt: „Die Demokratie baut auf dem Mehrheitsprinzip auf. Mehrheiten können sich durch Wahlen ändern.“ Gefährlich werde es aber, wenn man dieses Mehrheitsprinzip auf das Zusammenleben von Volksgruppen übertrage. Eine Mehrheit dürfe nicht, wie es im Nationalismus der Fall ist, über die Würde der Minderheit entscheiden, so Posselt: „Wir erleben gerade in der jetzigen Zeit ein Wiedererstarken des menschenverachtenden Nationalismus. Gerade deshalb sind solche Gedenkveranstaltung, wie heute in Furth im Wald, wichtig.“
Torsten Fricke, Sudetendeutsche Zeitung
Der Weg zum gotischen Fenster in Gerlsdorf
Gerlsdorf, heute Jerlochovice, ist ein Ortsteil im Westen der Barockstadt Fulnek im Kuhländchen. Vermutlich legte der deutsche Lokator Gerlach das Dorf im 13. Jahrhundert an. Zur Herrschaft Fulnek gehörend, wurde es am 04. März 1293 als Gerlaci villa erstmals schriftlich erwähnt. 1379 wurden eine erbliche Überlassung der Kirche nach Fulnek vorgenommen und nach Gründung des Augustinerchorherrenstifts in Fulnek diesem die Pfarrei Gerlsdorf übertragen. In dieser Zeit wurde in dem Ort die spätgotische Steinkirche „Maria Himmelfahrt“ gebaut oder stand bereits dort. Sie ist die zweitälteste Kirche Mährens.
Im Februar 2023 begann der Restaurator und Kurator der Sammlungen des Museums der Neutitscheiner Region, Stanislav Klučik, mit einer detaillierten Revision der Sammlungsobjekte im Bestand der steinbildhauerischen und architektonischen Elemente. Besonders fielen ihm drei Torsofragmente auf. Da er sie nicht nur mit dem Blick eines Kunsthistorikers betrachtete, erkannte er als Restaurator in ihnen auch etwas mehr.
Es handelte sich um drei Sandsteinfragmente ohne nähere Angaben, deren Fundort jedoch der Bereich hinter der Friedhofsmauer von Gerlsdorf war, woraus sich ihr ursprünglicher Standort erschließen ließ. Im Verlauf der Suche wurden in der Umgebung der Kirche weitere zugehörige Sandsteinteile gefunden. Die geometrischen Formen der von Klučik gezeichneten Fragment-Skizzen halfen ihm, ihren Platz in der sakralen Komposition eines steinernen Maßwerkfensters zu bestimmen. So entstand die Zeichnung eines gotischen Fensters, das spätestens um die Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert in der Kirche Maria Himmelfahrt in Gerlsdorf eingebaut war.
Die gotische Architektur ermöglichte es, die Wände des Kirchenschiffs durch großflächige Fenster aufzulösen. Dadurch flutete Licht und Helligkeit in die Kirchenräume, anders als in der Romanik. Die verdrängte Wandmalerei wurde durch farbig leuchtende Glasbilder ersetzt, wodurch die Fenster ein wichtiges gestalterisches Element wurden. Ihre typische Form war der Spitzbogen, der auf einem Stabwerk ruhte, was den Eindruck des himmelwärts Strebens ergab und auf die Frömmigkeit der Augustinerchorherren, die gegen Ende des 14. Jahrhunderts nach Fulnek kamen, verweist. Der Spitzbogen war stets gestaltet durch ein steinernes Maßwerk. Es wurde beim Bau mit Zirkel und Schnüren auf einen Rissboden in Originalgröße aufgezeichnet und dann in Steinpofile umgesetzt.
Einen solchen Riss zeichnete auch der Kunsthistoriker und Restaurator Klučik und konnte so die gefundenen Sandsteinfragmente zu einem Maßwerk des Gerlsdorfer Fensters zusammensetzen und präzise ergänzen. Es besteht aus einem Spitzbogen, in den ein Vierpass eingefügt ist. Dabei handelt es sich um vier, in einen Kreis einbeschriebene, nach außen weisende Halbkreise mit gleichen Radien. Deren Symmetrieachsen werden durch ein Kreuz strukturiert. Zwischen Kreuz und Kreisbögen befinden sich vier Dreiblätter. Getragen wird der Vierpass von zwei Kleeblattbögen, auch Nonnenköpfe genannt. So wurde das vergessene Kunstwerk in Gerlsdorf wiedergeboren.
Dieses reich gestaltete spätgotische Fensterfragment hatte sich wohl im Chorraum hinter dem Altar befunden. Es konnte mit seinen leuchtenden farbigen Glasbildern, die man heute nur erahnen kann, eine besondere Stimmung in alle kirchlichen Veranstaltungen im Laufe des Kirchenjahres bringen und Licht in den liturgischen Raum fallen lassen.
Die Entdeckung und Komplettierung des gotischen Spitzbogens aus Gerlsdorf ist ein außergewöhnliches Ereignis und zeigt, dass die Spätgotik, dank der Augustinerchorherren zu Fulnek, in Kirchen des Kuhländchens Eingang gefunden hatte.
Das Museum „Welt des Comenius“ in Fulnek präsentiert diesen einzigartigen Fund im Rahmen der Ausstellung „Gotisches Fenster aus Gerlsdorf“. Sie ist Teil des Projektes „OPUS RENATUM“ (Das Wiedergeborene Werk), das nach und nach die Schätze der reichen Geschichte von Fulnek und Umgebung vorstellen wird. Zu sehen ist die Ausstellung noch bis 25. September 2026. Sie bietet auch Einblick in die mittelalterliche Baukunst und ist speziell der Arbeit der Steinmetze und Restauratoren gewidmet.
Hildegard Broßmann, Karla Střílková
Monsignore Herbert Hautmann zum Gedenken
Kennengelernt habe ich Herber Hautmann Anfang der 1950ziger Jahre in Königstein/Taunus. Er war damals Theologiestudent im Priesterseminar und ich im Internat der St. Albert-Schule. Sein offizieller Titel war Präzeptor. Er sollte den Präfekten des Internats unterstützen. Wir Schüler nannten ihn „Bremser.“ Er sollte unseren jugendlichen Übermut in rechte Bahnen lenken und dafür sorgen, dass wir die Hausordnung gewissenhaft einhalten, in der Studierzeit Vokabeln lernen und nicht Karl May lesen.
Geboren ist Herbert 1934 in Eger. Nach der Vertreibung fand die Familie in einem Barackenlager in der Nähe von Regensburg eine erste Unterkunft. Nach dem Abitur ging Herbert in das Priesterseminar in Königstein/Taunus und studierte an der Hochschule Philosophie und Theologie. Das war eine kleine Hochschule, aber mit einer großen Nähe zu den Professoren. Das hat die Arbeit sehr gefördert. Die Studenten waren fast ausschließlich Vertriebene aus den ehemals deutschen Gebieten aus dem Osten und dem Südosten Europas. Sie kamen außerdem aus allen Diözesen der Bundesrepublik. Das war eine sehr anregende Mischung.
Als ich selber auch im Priesterseminar gelebt habe, habe ich Herbert näher kennengelernt. Es gab kaum ein Fest, das er nicht mitgestaltet hätte. Außerdem hat er einige Jahre den Chor geleitet, der die ostkirchliche Liturgie mitgestaltet hat.
Nach Abschluss des Studiums hat sich Herbert für das Erzbistum Bamberg entschieden und ist dort 1960 zum Priester geweiht worden. Einige Jahre später bin ich ihm nach Bamberg gefolgt. Von da an haben wir uns immer wieder getroffen.
Als Kaplan war er in St. Michael in Nürnberg. Als Pfarrer tat er Dienst in Bad Windsheim, in St. Heinrich in Fürth und in Bad Steben. Kaum war er in einem Ort Pfarrer geworden, haben ihn die Mitbrüder gleich zum Dekan gewählt. Neben seiner Arbeit als Pfarrer und Dekan hat Herbert weitere Aufgaben übernommen. Er war Mitglied des Priesterrates, des Diözesanpastoralrates und der Liturgischen Kommission des Bistums. Als Mitglied der Liturgischen Kommission hat sich Herbert dafür eingesetzt, dass auch Lieder aus den Vertreibungsgebieten in den Bamberger Anhang des Gotteslobes aufgenommen wurden.
Diesen Einsatz haben seine Bischöfe gewürdigt. Herbert wurde zum Geistlichen Rat und zum Monsignore ernannt.
Nach seiner Pensionierung hat er sich nicht einfach zur Ruhe gesetzt, sondern als Subsidiar in Stöckach–Forth und Gößweinstein und in den Pfarreien der Umgebung mitgearbeitet.
Mit seiner Geburtsstadt Eger und den Egerländern fühlte sich Herbert sehr verbunden. Als Pfarrer von St. Heinrich in Fürth war er auch Mitglied der Eghalanda Gmoi.
Nach der politischen Wende in der Tschechoslowakei hat sich die Pfarrei St. Niklas in Eger 2008 entschieden, die alte Tradition der Fußwallfahrt von Eger nach Marienweiher in der Nähe von Kulmbach wieder aufleben zu lassen. Pfarrer Petr Bauchner hat Herbert eingeladen, bei der Eucharistie zum Beginn der Wallfahrt zu konzelebrieren. Das war für Herbert eine sehr bewegende Erfahrung.
Im Bistum Bamberg gab es bereits seit 1946 die erste Wallfahrt der Vertriebenen nach Vierzehnheiligen. Bei dieser ersten Wallfahrt war Bischof Maximilian Kaller der Hauptzelebrant. 2006 hat Erzbischof Ludwig Schick Herbert zum Vertriebenenseelorger des Bistums ernannt. Seitdem hat er Jahr für Jahr diese Wallfahrt vorbereitet und dazu eingeladen.
Eine Anregung von Erzbischof Schick hat Herbert gerne aufgegriffen. In mühevoller Kleinarbeit hat er ein Verzeichnis der vertriebenen Priester erstellt, die seit 1945 im Bistum Bamberg gewirkt haben. Es waren fast 150. Neben den nüchternen Zahlen stehen bei vielen Mitbrüdern auch sehr persönliche Hinweise und kleine Geschichten, da er einen großen Teil von ihnen kannte.
Den Wiederaufbau der Wallfahrtskirche Maria Loreto bei Altkinsberg in der Nähe von Eger hat Herbert nach Kräften unterstützt. Gerne hat er dort auch selber die Eucharistie für die deutschen Wallfahrer gefeiert.
1985 übernahm Herbert das Amt des Geistlichen Beirat der Ackermann - Gemeinde im Bistum Bamberg und der Jungen Aktion der Ackermann – Gemeinde. Sooft es ihm möglich war, hat er beim Festgottesdienst am Sudetendeutschen Tag konzelebriert.
Vermutlich seit seiner Priesterweihe war Herbert Mitglied des Sudetendeutschen Priesterwerkes. Einige Jahre gehörte er auch dem Vorstand an. Er war ein engagiertes Mitglied. Er hat mitgedacht, mitdiskutiert und über die Ausrichtung des Vereins mitentschieden. Man musste ihn nie lange bitten. Bei den Treffen des Priesterwerkes hat er gerne die Gestaltung der Liturgie übernommen. Er hat diesen Dienst mit großem Sachverstand getan und einem guten Gespür für die Menschen, die gerade mitgefeiert haben.
Herbert war ein echter Mitbruder: aufgeschlossen, zugewandt, einsatzbereit, humorvoll und immer freundlich. Wir vom Priesterwerk sind dankbar, dass er so lange Mitglied unserer Gemeinschaft war.
Der HERR schenke ihm die Fülle des Lebens!
Karl Wuchterl
Als Begeisterte für den Synodalen Weg der Weltkirche
„Rede, Herr…“ - Einmal Rom und anders zurück:
Nicht nur im Heiligen Jahr 2025 eine Pilgerstätte des Christentums, das war auch am letzten Oktoberwochenende für uns sicht- und erfahrbar. Rom hat nicht nur Fischer zu Päpsten, Könige zu Kaisern und Mönche zu Reformatoren gemacht. Eine Wallfahrt war früher für jeden eine wirklich große Sache. Man machte sein Testament und wenn man lebend zurückkam, dann als ein anderer. Zauber und Last sind durch Flugzeug und Co. sicher blasser bzw. leichter geworden. Aber es gibt sie noch die Sternstunden, die verwandeln.
Im Jahr 2021 gab Papst Franziskus den Anstoß für eine Weltsynode, die sich mit der Synodalität der Kirche selbst auseinandersetzen sollte. Was zunächst wie Nabelschau klingt, erwies und erweist sich als fundamentales Werkzeug für einen Neuaufbruch innerhalb der weltweiten katholischen Kirche. Zunächst wurden die Ortskirchen um Eingaben gebeten, die die Vorlage für die erste Synodenversammlung 2023 bildeten. Hier zeigte sich nicht nur durch die Zusammensetzung schon eine ganz neue Form – Bischöfe und Weltchristen, Männer und Frauen – sondern auch in der Art, wie es zu Gespräch und Austausch kam. „Gespräch im Heiligen Geist“ ist das – im wahrsten Sinne des Wortes – Zauberwort, das auch bei der aktuellen Versammlung der Synodenteams seine Wirkung nicht verfehlte.
Als die Ergebnisse der ersten Synodensitzung in die Ortskirchen zurückgespielt und um Stellungnahme gebeten wurde, war das schon ein weiterer, wichtiger Schritt in Richtung Synodalität. Die zweite Sitzung 2024 griff die Rückmeldungen auf und formulierte ein Abschlussdokument, das sich Heilige Vater zur Überraschung aller sofort und ohne Änderung zu eigen machte: Seid in diesem Sinne gemeinsam auf dem Weg. Die Frucht ist nun der klare Auftrag, diese Synodalität auf allen Ebenen der Kirche zu pflegen und bis 2028 Erfahrungen zu sammeln.
Während viele Ortskirchen weltweit schon die ersten Impulse aufnahmen und teils seit zwei oder drei Jahren neue Wege der Synodalität gehen, sind andere erst am Anfang. Um diese Impulse überall hinein zu übersetzen, sollen sogenannte Synodenteams in jeder Diözese gebildet werden. Und diese Teams nun waren zu einem Austausch nach Rom eingeladen worden.
In Deutschland sind in den letzten Jahren viele Kräfte in den eigenen Synodalen Weg gesteckt worden. Auch darum ist der weltweite Impuls in vielen Teilen der Deutschen Kirche noch nicht aufgegriffen worden. Von den 27 deutschen Diözesen waren nur acht vertreten, darunter aber Regensburg, das gerade dabei ist, das Synodenteam zu bilden. Vom Priesterrat und dem Diözesankomitee bereits in dieses Team entsandt (und rechtzeitig in Rom angemeldet), machten wir zwei, Pfarrer Holger Kruschina und Noah Walczuch, uns auf in die Heilige Stadt. Und was sollen wir sagen? Die Tage haben uns bereichert und verändert.
Gut 2000 Frauen und Männer, vom Kardinal bis zum Pfarrgemeindemitglied aus wirklich aller Welt waren zusammengekommen. Nach der Registrierung am Freitagvormittag und einer ersten gemeinsamen Andacht mit der Bitte um den Heiligen Geist folgten am Nachmittag drei Grundsatzimpulse zum Thema Synodalität aus unterschiedlichen theologischen Sichtweisen. Gegen Abend kam Papst Leo XIV. in die Mitte der Versammlung, lauschte gemeinsam mit ihr den Erfahrungen aus sieben unterschiedlichen Weltgegenden, die allesamt je eine Frage an ihn richteten. Den Apell aus seinen Antrittsworten nach der Wahl am 8. Mai nimmt der Heilige Vater offenbar sehr ernst und reiht sich so in die Synodale Kirche ein. Mit seinen herzlichen, profunden und in drei Sprachen auf die Menschen eingehenden Antworten, beeindruckte das Kirchenoberhaupt uns alle. Der Abend bot dann Möglichkeit, diesen ersten Tag auf sich wirken zu lassen oder erste, neue Kontakte zu vertiefen.
2025 feiert die Kirche ein Heiliges Jahr: Wir sind alle Pilger der Hoffnung. Und so begann der zweite Tag mit einem Gebet und dem gemeinsamen Durchschreiten der Heiligen Pforte. Die Versammlung zog in der Frühe von der Aula Pauls VI. hinüber nach St. Peter und verweilte dort betend, um im Anschluss in kleinen Gesprächsgruppen „im Heiligen Geist“ zusammenzukommen. Fünf Sprachgruppen standen zur Auswahl und wir zwei mussten unser bestes Englisch herauskramen, um uns einreihen zu können. So fanden wir uns für 90 Minuten im Kreis von zehn Menschen aus der ganzen Welt wieder, die das „Gespräch im Heiligen Geist“ ganz handfest pflegten:
Wir beten miteinander. Wir lassen dem Schweigen Raum. Jeder darf reihum sprechen, alle anderen üben sich im Hören. Nach einem weiteren Schweigen darf jeder noch einmal sagen, wo „das Herz zu brennen“ begonnen hat. So geschieht Unterscheidung ohne Kontroverse. Das Wahre im Anderen zu erkennen, ja die Gegenwart des Heiligen Geistes, der allen durch Taufe und Firmung geschenkt ist, anzuerkennen. Wo im Anschluss dann auch noch Austausch gepflegt wird, geschieht er unter dem Eindruck dessen, was bisher geschehen und gesagt worden ist. Dieses „Gespräch im Heiligen Geist“ selbst zu pflegen und zu erfahren, gehört wohl mit zu den beeindruckendsten Erlebnissen dieser Tage.
Eine zweite Runde galt dann dem Erfahrungsaustausch. So waren wir zwei zunächst in einem internationalen Seminar, das zwei Kardinäle aus den Philippinen und Luxemburg bestritten, und anschließend noch in getrennten Workshops, z.B. zum Thema „christliche Basisgemeinschaften“. Eine Philippina berichtete etwa, wie Großpfarreien von 100.000 Katholiken nur durch solche Basisgemeinschaften funktionieren und getragen werden. Zum Abschluss des Tages folgte eine fröhliche Bühnenshow, die vor allem „best practice“-Beispiele aus der ganzen Katholischen Welt zeigte. Ganz ehrlich: Da konnten wir Deutsche Bauklötze staunen!
Am Sonntag waren alle zur Eucharistie nach St. Peter eingeladen. Die Mitglieder des Treffens, erkennbar an ihren gelben Bändern, durften weiter vorne Platz nehmen, während sich die Basilika auch mit anderen Pilgerinnen und Pilgern füllte – von den Tausenden nicht zu reden, die wir dann sahen, als wir hinterher auf den Petersplatz traten. Papst Leo richtete seine Sonntagspredigt sehr gezielt an uns „Team-Synodale“ und sprach in ermutigenden Worten davon, wie wir uns vom Geist des geschwisterlichen Miteinanders und der dienenden Liebe nicht nur in der Kirche, sondern in der Welt stärken lassen sollen.
Das Flugzeug brachte uns am Nachmittag schneller als im Mittelalter zurück nach Deutschland. Zeit, das Erlebte in Ruhe zu bedenken, hat man auf diese Weise nicht. Aber wenn wir es richtig verstanden haben, dann geht es ja nicht um eine ausgefeilte Methode, sondern um ein „Wesen der Kirche“, das mit Synodalität gemeint ist – und dazu braucht es keine Reflexionen oder Lehrgänge, sondern einfach den guten Willen und den nächsten Schritt.
Noah Walczuch und Holger Kruschina
Jahrestagung und Mitgliederversammlung
Im Haus Johannesthal bei Windischeschenbach fand die diesjährige Jahrestagung und Mitgliederversammlung des Sudetendeutschen Priesterwerks statt. Die Mitgliederversammlung wurde am Montagvormittag durchgeführt. Vorsitzender Holger Kruschina berichtete von den Veranstaltungen des letzten Jahres, wie der Jahrestagung, dem deutsch-tschechischen Priestertreffen, der Urlaubswoche für tschechische Priester und den Exerzitien. Diese Veranstaltungen werden auch in diesem Jahr wieder durchgeführt. Er selbst vertrat das Sudetendeutsche Priesterwerk in der Sudetendeutschen Bundesversammlung, beim Sudetendeutschen Tag in Regensburg und zelebrierte den Gedenkgottesdienst zur Ankunft des ersten Vertriebenentransports vor 80 Jahren in Furth im Wald.
Die „Mitteilungen“ sind ein wichtiges Organ, das für die Verbindung zu den Mitgliedern, Freunden und Gönnern sorgt.
Am Nachmittag berichtete Holger Kruschina von seiner Teilnahme als Delegierter des Bistums Regensburg an einer Konferenz der Weltsynode in Rom. Es war für ihn sehr beeindruckend, mit etwa 2.000 Teilnehmern aus der ganzen Welt Erfahrungen auszutauschen und Fragen des kirchlichen Lebens zu erörtern, sowie gemeinsam zu beten und Gottesdienst zu feiern. Nach der Methode der Synode sprachen wir dann in einem „Gespräch im Heiligen Geist“ über Themen des priesterlichen Lebens, bei dem sehr persönliche Erfahrungen zum Ausdruck kamen.
Nach den gemeinsam gebeten Laudes und dem Frühstück widmete sich die Versammlung am Dienstagvormittag den unterschiedlichen Zugängen zur Liturgie im Westen und im Osten. Während durch die liturgische Bewegung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und dem gesellschaftlichen Aufbruch in Westdeutschland auch der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils der Weg geebnet worden war, hatte der Osten im Kommunismus ganz andere Probleme. Hier galt es den Glauben zu bewahren und durchzutragen, nicht ihn liturgisch neu zu buchstabieren. Es folgte ein reger Austausch, der nicht nur Geschichte, sondern Auswirkungen auf die Gegenwart im Blick hatte. Vor dem Mittagessen feierte die Gemeinschaft noch die Heilige Messe und am Nachmittag stand dann ein Ausflug ins nahe Marktredwitz auf dem Programm. Das Egerländer Kulturhaus und das Museum luden zu einem Besuch ein. Die dortige Ausstellung beeindruckte durch ein breites Zeugnis der Jahrhundertelangen Kultur genauso wie durch die Dokumentation der Vertreibung. Nach der Rückkehr ins Tagungshaus schloss die Jahrestagung des SPW mit der Vesper und dem Abendessen.
Auch wenn die Runde klein war, so wurden doch wichtige Dinge besprochen, interessante Formate erörtert. Und die Tisch- und Abendgespräche ergänzten die guten und intensiven Tage der Begegnung. Auch in 2027 wird das Ziel wieder das gastliche Haus Johannisthal sein, dann vom 7. Bis 11. März.
Mathias Kotonski und Holger Kruschina