Inhalt
Vorwort des Vorsitzenden
Weihnachtsgruß des Vertriebenenbischofs
Weihnachtsgruß des Präses der Sudetendeutschen
Drei Weihnachtskrippen von Pepp Grimm
Rabbiner Pinkas Hauser aus der jüdischen Gemeinde von Muttersdorf
Anton Tscherney – Pfarrer und Heimatforscher aus Nordböhmen
30 Jahre Weihe der Wallfahrtskirche „Maria Hilf“ bei Zuckmantel
Unsere Glaubenszeugen
Seligsprechung tschechischer Märtyrer
Kardinal Dominik Duka zum Gedenken
Fachtagung zum Thema „Migration und Integration: Erinnerungskultur“
Exerzitien für Priester, Diakone und Ordensleute
Vorwort des Vorsitzenden
Der Volkstrauertag vor einigen Wochen stand ganz im Zeichen von 80 Jahren Kriegsende 1945. Der unselige Erste Weltkrieg, für die deutsche Volksgruppe in den danach neu gegründeten Nationalstaaten sicher ebenso wichtig, hatte sein „Jubiläum“ vor elf bzw. sieben Jahren. Dennoch drängt er sich mir auf, wenn ich auf den nächsten Kriegswinter in der Ukraine blicke: Auch da werden es nun bald vier Jahre sein. Zwar regional begrenzt, aber im „Abnutzungsstatus“ nicht weniger tragisch und vor allem für die Zivilbevölkerung ungemein belastend.
Aber auch wir sind „betroffen“: Die Solidarität mit der Ukraine kostet uns Geld und Ressourcen und spaltet einmal mehr unsere Zivilgesellschaft. Auch wir spüren die steigende Aggressivität und müssen Russland hinter vielen Nadelstichen auch bei uns vermuten. Eine Diskussion über die eigene Wehrfähigkeit und Investitionen in entsprechende Wirtschaftsbereiche bindet unser so notwendiges Engagement gegen den Klimawandel, der unaufhaltsam fortschreitet.
Und dann hören wir auf einmal den alten Ruf: Richtet Euch auf und erhebt Euer Haupt, denn es nahet Eure Erlösung! (Lk 21,28)
Mit diesen Worten haben wir das nun zu Ende gegangene Kirchenjahr am Ersten Advent 2024 begonnen – und wir haben einmal mehr sehen dürfen, dass die Welt trotz aller Unkenrufe (wieder) nicht untergegangen, eine innerweltliche „Erlösung“ aber ebenso ausgeblieben ist. Diese wäre aber angesichts der Menschheit und ihrer Schwächen auch utopisch. Unsere Erlösung naht vielmehr in der unerschütterlichen Hoffnung, dass Gott am Ende ein As im Ärmel hat, von dem freilich jeder schon weiß, der Tod und Auferstehung Jesu meditiert hat. Dass dem so ist, ist unser Bekenntnis an Weihnachten: Irdisches Leben geht Dank der Solidarität Gottes mit uns Menschen durch den Tod ins Leben.
Das rechtfertigt keinen einzigen Tod in Folge eines Krieges und es gibt ihm auch keinen Sinn, aber es lässt uns angesichts der Ohnmacht nicht verzweifeln. Flucht, Erstarrung oder Angriff sind die drei typischen Reaktionen in einer bedrohlichen Situation. Für uns Christen kommt dagegen noch eine vierte in Frage: Gottvertrauen.
Das wünsche ich uns allen zu diesem Weihnachfest und im Anno Domini 2026
Ihr
Pfarrer Holger Kruschina
Vorsitzender des SPW
Weihnachtsgruß des Vertriebenenbischofs
Zerbrechliche Kunst
Seit der Wende wird jährlich auf dem Erfurter Weihnachtsmarkt neben den Märchenfiguren auch eine geschnitzte Krippe aus Oberammergau gezeigt. Die Krippenfiguren sind jedoch immer mit Vorsicht und Umsicht zu behandeln. Wenn der Weihnachtsmarkt um den 22. Dezember geschlossen wird, finden die Krippenfiguren im Dom einen schönen Platz. Die Figuren wurden von der Stadt Erfurt in Auftrag gegeben und das Domkapitel hat sich bereit erklärt, das Jahr über sie in Obhut zu nehmen. In den ersten Jahren wurde der Dompropst immer gebeten, beim Aufstellen von Maria, Josef, dem Jesuskind und den Hirten mit den Königen behilflich zu sein, damit jeder an seinem richtigen Platz steht. Das gelingt nun aber auch schon ohne kirchlichen Beistand, wobei bisweilen noch vor der Krippe Diskussionen über die Bedeutung der Darstellung zu hören sind, denn bei einer Bevölkerung, die aus 70% Nichtchristen besteht, bedarf es manchmal noch einer Erklärung, was hier zu sehen ist. Inmitten von Märchendarstellungen auf dem Weihnachtsmarkt kann auch schon mal die Frage aufkommen: „Was ist das für ein Märchen mit Frau, Stroh und Kind?“
Nicht nur die geschnitzten Darstellungen sind behutsam zu behandeln, weil die zarten Finger und die Ohren der Schafe leicht zerbrechlich sind. Auch die Botschaft dieser Krippendarstellung braucht einen behutsamen Umgang, denn es ist ein großes Wunder, das wir an Weihnachten feiern dürfen: Gott wird ein Mensch. In diesem Jahr 2025 haben wir an das Konzil von Nizäa gedacht und das Glaubensbekenntnis gewürdigt, das im Jahr 325 n. Chr. – also vor 1700 Jahren – dort durch über 300 Bischöfe formuliert worden ist. Dazu gehört auch das Bekenntnis: „Geboren von der Jungfrau Maria“. Gott wird ein Kind, das in einer Armseligkeit geboren wird und weiterhin im ganzen Leben die Armut gespürt hat – auch durch die Ablehnung seiner Frohen Botschaft. „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,11).
Weihnachtslieder können wir gern aus voller Kehle singen, aber wir müssen dabei mit bedenken, dass der christliche Inhalt des Weihnachtsfestes für viele Zeitgenossen ein Mysterium bleibt. Wenn wir Christen aber mit Freude dieses Fest begehen, dann kann dadurch etwas von der Zuversicht weiterleuchten, die uns diese Botschaft vermitteln möchte: „Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um (dem Kind) zu huldigen“ (Mt 2,2).
Auf dem Domplatz steht die Heilige Familie in einem Stall. Im Dom steht sie auf einer freien Fläche vor dem Adventskranz, der - aufgerichtet hinter den Krippenfiguren - an die Erwartungszeit des Advents erinnert. Wir haben am Heiligabend wieder das Ziel unserer Sehnsucht erreicht: Das Kind in der Krippe. Ich hoffe, dass viele Besucher und Besucherinnen des Weihnachtsmarktes an den Weihnachtstagen entdecken: „Hier ist die Botschaft von der Menschwerdung Gottes zu Hause!“ Wir Christen sollten sie an diesen Tagen mit unseren Liedern und dem Brauchtum in die Welt bringen, so wie Jesus Christus in der Welt ankommen wollte, um sie zu verwandeln und froh zu machen.
Von Herzen wünsche ich gesegnete Weihnachtstage!
Weihbischof Dr. Reinhard Hauke
Weihnachtsgruß des Präses der Sudetendeutschen
Liebe Freunde,
unsere Welt taumelt von Krise zu Krise: Corona, Ukraine-Krieg, der Krieg im Heiligen Land, Klimawandel, Konflikte in Afrika etc.
Von der Krise unserer Kirche wollen wir gar nicht sprechen – ein schwieriges Jahr liegt hinter uns, wird es 2026 besser?
Als Jesus geboren wurde, gab es auch Krisen genug. Im jüdischen Palästina rang man um Unabhängigkeit. Die Römer setzten mit Gewalt im ganzen römischen Reich ihr Recht (Pax romana) durch!
„Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn“ wieder in unruhige, krisengeschüttelte Tage!
Ich wünsche mir von Herzen, dass uns der Glaube an die Geburt des Sohnes Gottes Halt gibt in dieser krisenreichen Zeit.
Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und die Freude dieser Tage für das ganze Jahr 2026.
Bleiben Sie gesund und seien Sie Gott befohlen!
Dank für Ihren Glauben in diesen schwierigen Zeiten!
Mögen Sie die Nähe Gottes an jedem Tag des neuen Jahres 2026 verspüren.
Ihr
Dieter Olbrich
Präses der Sudetendeutschen
Drei Weihnachtskrippen von Pepp Grimm
Vor allem in katholischen Gebieten ist es seit Jahrhunderten Brauch, zu Weihnachten in den Kirchen und zu Hause in den Wohnzimmern eine Krippe mit der Heiligen Familie, mit Hirten, Ochs und Esel und Schäflein aufzustellen. Am Dreikönigstag kommen noch die Heiligen Drei Könige dazu. Im vorwiegend katholischen böhmischen Teil des Erzgebirges waren es passend zur Landschaft Waldkrippen.
Als im Verlauf des Jahres 1946 klar wurde, dass wir aus unserer Heimat im Sudetenland gewaltsam vertrieben würden, überlegten meine Eltern, was sie in dem erlaubten Gepäck von 30 oder 50 oder 70 kg pro Person mitnehmen sollten. Außer dringend benötigten Kleidungs- und sonstigen Wäschestücken, Schuhen, Decken, Geschirr, Hygieneartikeln und Urkunden sollten es auch Andenken an die Heimat sein.
Für die ganze Weihnachtskrippe war kein Platz, so nahmen meine Eltern nur die Kernfiguren Jesus, Maria und Josef mit. In den ersten provisorischen Nachkriegsquartieren mussten diese 3 Krippenfiguren an Weihnachten ausreichen. Als nach einigen Zwischenstationen Offingen an der Donau im bayerischen Landkreis Günzburg unsere neue Heimat wurde, baute mein Vater Pepp Grimm einen Stall aus dem Gedächtnis, wie er zu Hause im Abertham in der Kirche zu den Heiligen 14 Nothelfern war. (Die Krippe in der Aberthamer Kirche ist bis heute unversehrt erhalten). Die weiteren Krippenfiguren kaufte er dann passend zu den Kernfiguren in der damaligen Buchhandlung Auer in Donauwörth, die auch Andachtsartikel führte. Zum Weihnachtsfest 1950 erstrahlte dann in unserer damaligen spärlichen Wohnung, einem umgebauten Schweinestall „In der Steige“ in Offingen zum ersten Mal wieder „onner Krippl“, wie es früher in Abertham war. Es hat seitdem mehrere Umzüge und den Tod der Eltern überlebt und ist seit 1986 unsere Familienkrippe in Augsburg, wo wir sie jedes Jahr im Wohnzimmer beziehungsweise. im Wintergarten von Weihnachten bis Dreikönig aufbauen.
Für meine Schwester Rosl, die 1953 für eine bessere Zukunft in die Schweiz zog, baute er eine Krippe im ähnlichen Stil. Da in der Schweiz offenbar der Brauch einer Weihnachtskrippe nicht verbreitet ist, erhielt ich nach dem Tod meiner Schwester die Krippe von meinen Schweizer Verwandten zurück. Inzwischen baue ich sie zu Weihnachten abwechselnd mit unserer Familienkrippe auf.
Im schwäbischen Offingen, wo wir nach der Vertreibung in Zwischenaufenthalten in einem Turnhallenlager in München und auf einem Bauernhof in Kronacker bei Hohenlinden letztendlich auf Dauer landeten, gab es in der katholischen Kirche St. Georg keine Weihnachtskrippe. Mein Vater baute für die Kirche eine Krippe nach dem erzgebirgischen Muster, kaufte die Figuren dazu und spendete sie der Kirchengemeinde. Dort wird sie bis heute jedes Jahr zu Weihnachten aufgebaut. So gibt es also in Augsburg zwei und in Offingen eine Erzgebirgskrippe von Pepp Grimm.
Josef Grimm
Rabbiner Pinkas Hauser aus der jüdischen Gemeinde von Muttersdorf
Am 26.Oktober diesen Jahres waren es 60 Jahre, dass die Erklärung „Nostra aetate“ (lat. für „In unserer Zeit“) über die Haltung der katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen vom 2.Vatikanischen Konzil verabschiedet wurde. Darin wurden vor allem die besonderen Beziehungen zwischen Judentum und Christentum als dessen Wurzeln betont und Antisemitismus sowie jede Form von Diskriminierung verurteilt – im Unterschied zur bis dahin gängigen Sichtweise und Praxis.
Ein etwa hundert Jahre älteres Zeugnis des Blicks eines jüdischen Rabbiners auf die katholische Kirche findet sich im sog. Memorabilienbuch von Plöß/Pleš (ehem. Kreis Bischofteinitz – heute Kreis Taus/Domažlice) – begonnen 1836, aber rückblickend noch auf Vorgänge ab 1787. Dort ist am Buchanfang ein interessantes Schriftstück eingeklebt: ein nicht datierter Brief an Bischof Valerian Jirsik - Bischof von Budweis 1851-1883. Heute lässt sich nicht mehr nachvollziehen, wie dieser Brief nach Plöß kam und wann und warum ihn welcher der Seelsorger hier eingefügt hat. Doch vermutlich erging es ihm wie dem Autor dieser Zeilen – ihm wurde die besondere Bedeutung und „Rarität“ des Inhalts schon damals bewusst. Warum?
Verfasser dieses Briefes ist Rabbiner Pinkas Hauser aus der jüdischen Gemeinde von Muttersdorf (Mutěnin), in der Nähe von Plöß gelegen. Im überschwänglich-devoten Ton dieser Zeit gegenüber hochgestellten Personen schreibt er:
Sr. Exzelenz
dem Hochwürdigsten Wohlgeborenen Herrn
Valerian Jirsik
Bischof der Budweiser Diözese
Hochwürdigster Herr Bischof
Hochwürdigster gnädiger Herr!
Nicht heuchelnder Abtrünnigkeit von seinem väterlichen Glauben, sondern die innigste Liebe eines im wahren Sinne strengen Israeliten gegen seine verschwesterte christliche Religion gab dem gehorsamst Gefertigten - der stets seine Glaubensgenossen Nächsten- und Vaterlandsliebe belehrte, welches ihm auch von seiten des katholischen Priesterthums documentiert wurde - durch selbige Zeilen seine unterthänigste Aufwartung im Namen seiner Gemeinde Eurer bischöflichen Gnaden ehrfurchtsvoll zu machen.
Dann steht dort rechts in hebräischen Buchstaben ein "Segensgebet". Der Rabbi selbst hat es am linken Rand auf deutsch übersetzt:
Freue dich und frohlocke, Diözese Budweis!
Denn dein gnädiger Bischof ist hoch gerühmt
seine Gefühle gegen die Armen sind sehr heiß,
welches auch Israel zu preisen geziemt.
Nehme gütigst unsern Segen
als Wunsch zur glücklichen Reise
die wir von Herzen hegen
auf ehrfurchtsvolle Weise.
von Pinkas Hauser
Rabbiner zu Muttersdorf
Welchen in der Tat „erinnerungswürdigen“ Inhalt dieser Brief überliefert, das mag man daran ermessen: es ist die Zeit von Pius IX. (Papst 1846-1878). Im von ihm regierten Kirchenstaat mussten Roms Juden weiterhin im Ghetto leben. Der jüdische Talmud war auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt. Nachdem die Juden mit dem Ende des Kirchenstaates 1871 die formelle rechtliche Gleichstellung mit allen anderen Bürgern des Königreichs Italien erhalten hatten, hat sich Pius IX. in Predigten und Ansprachen zu hasserfüllten Tiraden gegen die Juden hinreißen lassen. Und am Karfreitag – auch in Muttersdorf - wurde noch bis Mitte des 20.Jhh. in allen katholischen Gottesdiensten bei den „Großen Fürbitten“ gebetet:
„Allmächtiger, ewiger Gott, der du sogar die treulosen Juden von deiner Erbarmung nicht ausschließest, erhöre unser Flehen, das wir ob der Verblendung jenes Volkes dir darbringen: auf dass es das Licht deiner Wahrheit, welche Christus ist, erkenne und seinen Finsternissen entrissen werde....“
Auf der anderen Seite versichert hier ein Rabbiner dem katholischen Bischof „die innigste Liebe eines…..Israeliten gegen seine verschwesterte christliche Religion“ – und schickt ihm seinen Segen.
Ihrerseits hat sich – wie anfangs erwähnt - in dieser „verschwesteren christlichen Religion“ als katholischer Kirche erst 100 Jahre später diese Erkenntnis durchgesetzt.
Wer war dieser Rabbiner Pinkas Hauser? Einige wenige Umrisse seines Lebens lassen sich noch erkennen.
Anlass für den Segensbrief mag vielleicht der Amtsantritt des Rabbiners 1858 in Muttersdorf gewesen sein oder – wenn die im Segen erwähnte „glückliche Reise“ wörtlich zu verstehen ist – die Reise des Bischofs nach Rom zum 1.Vatikanischen Konzil 1870.
Pinchas Hauser wird am 10.6.1808 in Großschwelis bei Jungbunzlau in einer jüdischen Familie geboren; beim Vater heißt es „Handelsjude“. Über seine Ausbildung und frühen Dienstjahre kann bisher nichts gesagt werden. Spätestens 1852 lebt er, verheiratet spätestens seit 1833 und vermutlich als Rabbiner in Deutsch-Rust. Dies ist ein Ort mit damals ca. 600 Einwohnern am Rande des Duppauer Gebirges - mit einer jüdischen Gemeinde, die um diese Zeit etwa 50% der Bevölkerung ausmachte. Daher wurde dort unter ihm 1856 erstmals ein jüdischer Friedhof angelegt.
In Deutsch-Rust werden die beiden jüngsten seiner zehn Kinder – Ferdinand 1852 und Auguste 1854 geboren. Auguste, verheiratete Klein, wurde zu einem der Millionen jüdischer Opfer der Naziherrschaft – ebenso wie viele Enkel des Rabbiners u.a. in den KZ Auschwitz und Treblinka. Als alte Frau starb Auguste im 88.Lebensjahr an den Folgen der Haft im KZ Theresienstadt am 24.8.1942 um 16.00 Uhr laut dem erhaltenen Totenschein – an „Herzmuskel-Entartung“, wie der Lagerarzt Dr.Alfred Mark notiert hat. Von ihren beiden Kindern erlitt ihre Tochter Margarethe das gleiche Schicksal nach 1942 im Zwangsarbeitslager Trawniki, einer Außenstelle des KZ Treblinka – Sohn Dr.Paul Klein in Karlsbad gelang die Flucht in die USA, wo er 1966 starb.
Von 1858 bis 1882 lebte Pinkas Hauser dann mit seiner Familie in Muttersdorf und versah hier seinen Dienst als Rabbiner. In seiner Zeit hatte man 1860 die alte hölzerne Synagoge von 1663, also noch aus der Entstehungszeit der dortigen jüdischen Gemeinde, abgerissen und durch einen Neubau aus Stein an gleicher Stelle ersetzt. Deren „Bauunternehmer“ war ein Georg Halla – ob er identisch ist mit einem Spitzenhändler gleichen Namens jener Zeit in Hostau und Muttersdorf, lässt sich akuell nicht sagen.
Der Tempel hatte acht Fenster und zwei Rundfenster, maß im Inneren 12 x 10 m mit 8 m hohem Gewölbe. Es gab einen beheizten Wintergebetsraum und im Vorraum einen Ofen zum Backern der Matzen. Obwohl erst 1923 renoviert, wurde sie in der Nazizeit nach 1938 zerstört. Der Friedhof am Schafberg mit ca. 1.150 m² Fläche ist großteils erhalten und wurde nach der Wende schön restauriert.
Wegen der ab 1900 beginnenden Abwanderung in größere Städte kam es bereits 1938 zur Auflösung der selbständigen Gemeinde; 1939 lebte in Muttersdorf nur mehr eine jüdische Familie – Geschäftsmann Isidor (56 J.) und Maria Beck (45 J.) mit Tochter Hanna (17 J.), die alle Opfer der Shoa wurden.
1882 – mit 74 Jahren – beendete Hauser seinen Rabbinerdienst und zog nach Teplitz-Schönau, wo sein Sohn Ferdinand lebte. Dieser war - so erfahren wir bei dessen Tod 1929 - Seniorchef und Mitbegründer der Firma J.& W.Hauser in Teplitz-Schönau/Langegasse – Haus „Zum Goldenen Lamm“, eines Galanterie- und Posamentiergeschäfts, das u .a. Sonnen- und Regen-Schirme verkaufte.
Schon 1883 starb hier Hausers Frau Babette - er selbst dann 83-jährig am 16.9.1891 und wurde zwei Tage später am jüdischen Friedhof in Teplitz bestattet. Erhalten blieben die Todes- und Dankanzeige seiner Familie für ihn – und im fernen, heute längst untergegangenen Plöß sein Segensbrief an Bischof Jirsik von der „verschwesterten christlichen Religion“.
Klaus Oehrlein
Anton Tscherney – Pfarrer und Heimatforscher aus Nordböhmen
1855 wurde Schnauhübel bei Schönlinde zu einer eigenständigen Pfarrei erhoben. Im Laufe der Jahre wirkten in dem einst berühmten Wallfahrtsort drei Priester – Gustav Gruner, Anton Tscherney und Wenzel Born. Der zweite von ihnen war nicht nur Pfarrer, sondern auch ein eifriger Heimatforscher. Ihm ist dieser Beitrag gewidmet.
Anton Tscherney wurde am 24. Mai 1845 im Haus Nr. 15 in Schwaden geboren, wo er auch seine Schulausbildung erlangte. Da er in das Mariascheiner Knabenseminar nicht aufgenommen wurde, besuchte er das Gymnasium in Leitmeritz, hatte jedoch mit Lernschwierigkeiten zu kämpfen. Des jungen Antons nahm sich daher der Pfarrer Josef Haschke aus Böhmisch Pokau bei Aussig an, der ihn auf das Studium in Mariaschein vorbereitete. Beim zweiten Versuch meisterte er das Aufnahmeverfahren ohne Probleme und schloss mit dem Abitur ab. 1866 trat er in das Priesterseminar in Leitmeritz ein und am 23. Juli 1870 wurde er zum Priester geweiht.
Tscherney reiste gern. Gleich nach seinem Abitur 1866 durchwanderte er Nordböhmen und besichtigte zur gleichen Zeit wie der tschechische Schriftsteller Alois Jirásek das noch „frische“ Schlachtfeld der großen Auseinandersetzung zwischen Preußen und Österreich am 3. Juli 1866 bei Königgrätz. Später besuchte Tscherney auch Bayern, das Rheinland, Tirol und Salzburg. Im Jahr 1876 unternahm er eine – für seine Zeit – große Pilgerreise nach Rom, während der er weiter bis nach Neapel kam.
Anton Tscherney wirkte ab 1870 zunächst als Kaplan in Zirkowitz und Triebsch im böhmischen Mittelgebirge. Zur gleichen Zeit gab er den Kindern in Tschersing und Birnai Religionsunterricht. In den Jahren 1872 bis 1875 war er als Kaplan in Krima im Bezirk Komotau tätig. Die folgenden sieben Jahre verbrachte er in derselben Funktion in Komotau. Dort fand er Muße zur Heimatforschung. Sein Vorgesetzter, der Komotauer Dekan Dr. Anton Jarisch, gab neben Gedichten auch einen lokalen Volkskalender heraus. Unter seinem Einfluss begann sich Anton Tscherney systematisch mit Heimatkunde zu beschäftigen und sammelte an allen seiner Wirkungsstätten Unterlagen zur regionalen Geschichte. Zu dieser Zeit begann er Beiträge für die Aussiger „Elbetalzeitung“ zu verfassen und lieferte auch Artikel für die heimatkundlichen „Skizzen aus dem Elbtal“.
Nach seinem Weggang aus Komotau 1882 war er in Peterswald und Polaun im Isergebirge tätig. Sein wichtigstes Werk ist die zweibändige Heimatkunde „Schwaden an der Elbe“ mit insgesamt 693 Seiten, die 1894 und 1900 in Aussig erschien. Zu seinen weiteren Werken gehört beispielsweise der „Beitrag zur Geschichte der Stadt Türmitz“, der 1909 veröffentlicht wurde.
Sein letzter Wirkungsort war Schnauhübel bei Schönlinde, wo er von 1883 bis zu seinem Tod am 25. Oktober 1927 Pfarrer war. An diesem zauberhaften Ort inmitten schöner Natur verbrachte er den größten Teil seines Lebens – unglaubliche 44 Jahre. Hier konnte er auch sein 50-jähriges Priesterjubiläum feiern. In der Zeit seines langen Wirkens erwarb er sich nicht nur die Liebe seiner Pfarrkinder, denen er zwei Generationen lang als geistlicher Begleiter diente, sondern auch die Anerkennung seiner kirchlichen Vorgesetzten, denn er wurde zum Personaldechant, zum bischöflichen Notar und zum Konsistorialrat ernannt. Einige Jahre gehörte er auch dem Gemeinderat in Wolfsberg an, wohin Schnauhübel gehörte.
Es ist schade, dass Tscherneys schriftlicher Nachlass nur bruchstückhaft erhalten blieb. Leider verwendete er für seine Notizen Stenografie, so dass sie für heutige Forscher schwer lesbar sind. Tscherneys umfangreiche Bibliothek gelangte nach seinem Tod durch die Fürsorge des Archivars Franz Josef Umlauft von Schnauhübel nach Aussig und ist heute Teil der Bibliothek des Stadtarchivs Aussig.
Dass Anton Tscherney die Herzen seiner Gemeindemitglieder gewann, bezeugen Erinnerungen von zurückgebliebenen Deutschen, die noch vor fünfzig Jahren (vielleicht nach den Erzählungen ihrer Eltern) berichteten, wie rührend er sich in Zeiten der Not um die Witwen der im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten kümmerte. Einige alte Frauen pflegten damals noch sein Grab und schmückten es bis zu ihrem eigenen Ableben mit Blumen.
Heute ist Anton Tscherney in Schnauhübel und Umgebung vergessen, nur die Grabplatte und das Grab, in dem er zusammen mit seiner Schwester Wilhelmina ruht, die ihm jahrelang als Haushälterin zur Seite stand, blieben erhalten. Auch zum Fest Mariä Schnee am 5. August versammeln sich jedes Jahr nur eine Handvoll Menschen zum Gottesdienst. Zu Zeiten des größten Pilgerstroms waren es Tausende!
Ganz vergessen wurde Tscherney nicht – oberhalb seines Heimatdorfes Schwaden benannten Heimatforscher unter der Leitung von Karel Punčochář im Jahr 2020 einen Aussichtspunkt nach ihm. Sie stellten dort auch eine Bank mit einer geschnitzten Figur Tscherneys auf. Von der Aussichtsplattform hat man einen weiten Blick auf das darunter liegende Schwaden, über das Elbtal zum Marienberg und zur Stadt Aussig bis zum fernen Erzgebirge. Manche Sterne am Nachthimmel leuchten noch lange, obwohl sie längst erloschen sind. Das gilt nicht nur für Sterne, ähnlich verhält es sich auch mit guten Menschen, zu denen Anton Tscherney gehörte.
Petr Karlíček und Karl Stein
Quelle: "Aussiger Bote" in der „Sudetendeutschen Zeitung“ vom 7.11.2025, S. 20
30 Jahre Weihe der Wallfahrtskirche "Maria Hilf" bei Zuckmantel
Am 23. September 1995 wurde die Wallfahrtskirche Maria Hilf vom Olmützer Erzbischof Jan Graubner in Konzelebration mit dem Apostolischen Nuntius Erzbischof Giovanni Coppa, Bischof Hrdlička, dem polnischen Bischof Alfons Nosol aus Oppeln/Opole, dem deutschen Landsmann P. Adolf Schrenk aus Weilersbach und mehr als dreißig weiteren Priestern geweiht.
Die Wallfahrtskirche Maria Hilf liegt bei Zuckmantel/Zlaté Hory, im Altvatergebirge, dicht an der Grenze zu Polen. Der Ort hat eine sehr reiche Geschichte. Es wurde dort zunächst eine Holzkapelle und später eine Kirche errichtet. Dann kam jedoch die Zeit des Kommunismus und das Gotteshaus wurde dem Boden gleich gemacht, so dass man überhaupt nicht ahnen würde, dass dort früher etwas gestanden hätte. Glücklicherweise hat die Geschichte jedoch ein positives Ende. Die Kirche steht wieder und kann erneut Pilger zu Marien-Wallfahrten begrüßen.
Wie ist eigentlich die Kirche in der Waldeinsamkeit entstanden? Die Qualen des Dreißigjährigen Krieges kamen auch in die schlesischen Berge. Als die Schweden 1647 zur Stadt Zuckmantel kamen, verließen die Bewohner ihre Häuser und retteten ihr Leben durch Flucht in die Berge. Unter den Flüchtlingen war auch die Frau des dortigen Metzgers Anna Tannheiser, die sich gerade in gesegneten Umständen befand. Sie fand einen sicheren Ort etwa eine Stunde von der Stadt entfernt, auf dem Berg mit dem Namen Gottesgabe. Auf der Stelle, die ein Felsen wie eine Mauer schützte und eine große Tanne überdachte, wurde sie nicht von Feinden bedroht. Gerade dort kamen jedoch Geburtswehen. Die verzweifelte Frau bat Gott um Hilfe und die Jungfrau Maria um Fürbitte – und wurde erhört. Am 18. Juli hat sie einen gesunden Sohn zur Welt gebracht, der den Namen Martin bekam. Aus Martin wurde ein geehrter Mann und sogar Mitglied des Stadtrates. Das Versprechen der Anna Tannheiser, ein Bild der Jungfrau Maria malen zu lassen, erfüllte erst Martins Tochter, Dorota Weis.
Das Bild wurde dann an den Baum gehängt, unter dem das Kind geboren wurde. Und man erzählt, dass um das Bild ein Licht strahlte. Es deutete den Wanderern, die kamen und unter dem Altar beteten, an, dass es sich um etwas Außerordentliches handelt. Später wurde eine kleine Holzkirche errichtet, und das Bild befand sich in dieser Kirche.
Dies passierte im Jahre 1718, und schon im folgenden Jahr wurde der Ort zu einem Ziel vieler Pilger. Es kamen immer mehr Verehrer der Jungfrau Maria. In den ersten zehn Jahren berichtete man von mindestens fünf wundersamen Heilungen. Auf Wunsch der Christen aus Zuckmantel stimmte das Bischofsamt in Breslau zu, das wundersame und schöne Bild – die Kopie der berühmten Passauer Madonna mit dem Kind von Lucas Cranach – aus der Waldkapelle in die dortige Pfarrkirche zu übertragen.
Und es kam die Welle eines gewissen Niedergangs. Unter Joseph II. sollte die Kirche sogar niedergerissen werden. Dazu kam es nicht, nur wurde das Bild in die Kirche Mariä Himmelfahrt gebracht, wo es bis heute hängt. Hier oben ist eine Kopie. Und als die Zeit eines erneuten religiösen Lebens, eine gewisse Auferstehung nach dem Niedergang, kam, wurde hier eine große Kirche gebaut.
Mit einer goldenen Schrift hat sich Erzpriester Philipp Dittrich in die Geschichte von Maria Hilf eingeschrieben, der 1830 nach Zuckmantel kam. Die zunehmenden Ströme der Pilger führten ihn zur Idee, eine größere Kirche zu errichten. Auf die Frage, wo er in dieser armen Landschaft Geld dafür gewinnt, antwortete Dittrich: „Ich kenne eine Dame, die einen unschätzbaren Reichtum besitzt und die uns sicher zu Hilfe kommt. Desto mehr, dass die Kirche zu ihrer Huldigung bestimmt sein wird.“ Sein Vertrauen erwies sich als richtig. Als die Leute vom Bau erfuhren, trugen sie mit allem bei, was sie zur Verfügung hatten. Die Reichen mit Geldgaben, die Armen mit ihrer eigenen Hände Arbeit.
Der Grundstein wurde 1834 gelegt, und zur feierlichen Einweihung kam es am Festtag Mariä Geburt, am 8. September 1841. Die Berühmtheit der Kirche wuchs und verbreitete sich auch unter den polnischen Katholiken, die regelmäßig nach Zuckmantel pilgerten. Schrittweise wurde auf dem Berg auch ein Kreuzweg gebaut. In der Kirche wurde ein neues Pflaster gelegt, eine Lourdes-Grotte errichtet, aus den Gaben der Gläubigen wuchsen die Santa Casa, das sogenannte Gerichtstor und weitere Kapellen. Vor dem Zweiten Weltkrieg kamen bis zu 100.000 Pilger pro Jahr nach Maria Hilf.
Die Entwicklung und Blütezeit des Wallfahrtsortes beendete das Jahr 1955. Am 24. Mai dieses Jahres erhielt das Pfarramt in Zuckmantel einen Befehl, der hieß, die Gottesdienste in der Kirche Maria Hilf zu beenden. Als Grund für die Schließung der Kirche nannte man unter anderem die Bergarbeiten und Erzforschung in der nahen Umgebung. Fast zwanzig Jahre stand die Kirche geschlossen und war zum allmählichen Verfall verurteilt. Ende der 1960er Jahre erschien noch einmal die Hoffnung, und man begann die Generalrenovierung der Kirche. Diese glücklichere Zeit dauerte jedoch nicht lange.
Die letzten Zeilen des traurigsten Kapitels des Wallfahrtsortes schrieb man am 16. Mai 1973. Auf den Berg begab sich eine Delegation der Kreisfunktionäre, um an Ort und Stelle über das weitere Schicksal der Kirche zu entscheiden. Eigentlich war jedoch das Urteil schon längst vorher gefallen. Es blieb nur noch zu befehlen: das Gerüst um die Kirche wurde auseinandergenommen, Baumaterial weggebracht, die Renovierung wurde gestoppt.
Und weil es die Arbeiter aus Zuckmantel ablehnten, die Vernichtungsarbeit durchzuführen, wurde dazu ein Kommando aus Brünn einberufen. Die Liquidierung wurde von der Geheimpolizei gemeinsam mit Milizionären und dem Heer des Innenministeriums geleitet. Am 22. September war alles vorbei. Ein Ausbruch verkündete in der Umgebung, dass die Kirche nicht mehr existiert. Und was der Sprengstoff nicht schaffte, das ebneten Planierraupen. Gar nichts sollte daran erinnern, dass dort einmal ein Gotteshaus stand. Die Leute aus der Umgebung wollten jedoch nicht vergessen, was den Mächtigen ein Dorn im Auge war.
Es störte sie eine Tatsache: Trotz der Vernichtung kamen immer Leute hierher, um hier – wenn auch im Geheimen – zu beten. Gerade der Kreuzweg, der heute um 9 Uhr abends stattfindet, ist eine Tradition. Man ging den Kreuzweg zur Kirche, und später, nachdem sie zerstört worden war, ging man zu diesem Ort in der Nacht. Dies ist also aus der Zeit der Finsternis erhalten geblieben.“
Der November 1989 brachte eine Wende und schob die Sachen rasch vorwärts. Schon im Februar 1990 wurde ein Vorbereitungsausschuss für die Erneuerung des Wallfahrtsortes Maria Hilf bei Zuckmantel geschaffen. Am 22. April desselben Jahres fand eine berühmte Wallfahrt auf den südmährischen Velehrad statt, wo Papst Johannes Paul II. eine Messe unter Teilnahme von Hunderttausenden Gläubigen zelebrierte. Und der Papst weihte bei diesem Anlaß den Grundstein für einen neuen Bau der Frauenkirche in Zuckmantel.
Zu dem traurigen Raum voll von Kletten und Brennesseln brachte man während eines in der Nacht veranstalteten Kreuzwegs ein Kreuz. Der Platz war gereinigt und für die erste Massenveranstaltung im August vorbereitet. Weitere Monate verliefen im Zeichen der Vorbereitungen für den Bau einer neuen Kirche. Diese wurde am 23. September 1995 feierlich eingeweiht. An der Eröffnung nahmen neben hohen Kirchenfunktionären 12.000 Pilger aus Schlesien, Mähren, Böhmen, Deutschland und Polen teil.
aus einem Gespräch von Radio Prag mit dem Pfarrer von Zuckmantel/Zlaté Hory Pater Stanislav Lekavy
Quelle: "Zuckmantler Heimatbrief" in der „Sudetendeutschen Zeitung“ vom 17.10.2025, S. 20
Unsere Glaubenszeugen
2024 erschien das „Martyrologium der katholischen Kirche in den böhmischen Ländern im 20. Jahrhundert“, das bisher nur in der tschechischen Sprache vorliegt.
Aus diesem Martyrologium stammt die folgende Lebensbeschreibung, die unser Vorstandsmitglied Stanislav Drobny aus dem Tschechischen ins Deutsche übersetzt hat.
Vaclav Drbola
Vaclav Drbola wurde am 16. Oktober 1912 in Starovicky bei Brno geboren. Seine Eltern, Vaclav und Ruzena, haben 7 Kinder zur Welt gebracht. Nach dem Abschluss des Studiums in Hustopece und im Brünner Alumnat (Seminar zur Ausbildung der zukünftigen Priester) wurde Vaclav am 5. Juli 1938 zum Priester geweiht.
Er wirkte zuerst in Slavkov und Cucice, nachher in Bucovice (Bezirk Vyskov). Im Ferbruar 1950 wurde er zum Kooperator, später zum Administrator der Pfarrei in Babice ernannt. In der Nachkriegszeit war Vaclav in der damaligen Volkspartei tätig. Im Jahre 1946 hatte er den Dienst des Stellvertretenden des Vorsitzenden inne, im Jahre 1947 war er Mitglied des Finanzausschusses.
Er engagierte sich ebenfalls in mehreren Verbanden des öffentlichen Lebens, z. B. in Orel oder im Verband der katholischen Arbeiter. Ab Februar 1948 wurde jedoch seine vielfältige Tätigkeit der ehrenamtlichen Volksaktivitäten durch die stürmische Machtübernahme der kommunistischen Partei verboten. So musste sich der junge Priester Vaclav auf die innerkirchliche Pfarrseelsorge in der eigenen Gemeinde beschränken.
Im Januar 1950 wurde Vaclav nach Babice versetzt. Die damalige Lage, sowohl im Dorf, als auch in der Pfarrei, sah trostlos aus. Der Vorgänger Pfarrer Arnost Polacek wurde nämlich nach Weihnachten 1949 verhaftet, der Geisliche Jindrich Hladik (der Vorgänger vom Polacek) wirkte unermüdlich in der Opposition, zuerst in der Nazizeit, dann in der aufkommenden kommunistischen Herrschaft. Die jahrelange Schikane beider Diktaturen erzwang bei Hladik die Bitte, die Gemeinde zu wechseln und nach Blansko ziehen zu dürfen. All diese Fakten waren dem Vaclav Drbola bekannt. Von daher benahm er sich von Anfang an zurückhaltend und vorsichtig. Dabei knüpfte er jedoch einige engere Kontakte mit dem Untergrund. Vaclav befreundete sich besonders mit dem Aktivisten der Volkspartei Antonin Plichta. Dieser stand jedoch unter der Aufsicht der Geheimpolizei. Dies hatte für Drbola weitere tragische Konsequenzen. Vaclav war nämlich trotz des verständlichen Abstands zur Umgebung ein aufrichtiger und aufgeschlossener Mensch. Die Hilfsbereitschaft war für ihn immer die Selbstverständlichkeit. Dies ist ihm jedoch zur Falle geworden. Vaclav konnte nämlich einen sogenannten Auslandsagenten und Helfer des Erzbischofs Josef Beran, Ladislav Maly nicht richtig einschätzen. Er erkannte in ihm nicht einen gefährlichen kommunistischen Provokateur. Vaclav hat Ladislav ein geheimes Versteck von Antonin Plichta bei dem Organisten Ladislav Stehlik verraten. Erst später und durch die weiteren Ereignisse ist es Vaclav immer klarer geworden, wer der eigentliche Freund und Helfer Ladislav Maly ist. Nun suchte Drbola einen Rat bei seinem verlässlichen priesterlichen Freund Jan Podvesky, dem damaligen Pfarrer in Jaromerice. Bei seinem Besuch hat sich erschreckend herausgestellt, dass nun ihr gemeinsamer Freund und Priester Jan Bula ebenfalls mit ähnlichen lockenden Geschichten vom Verräter Ladislav Maly versorgt worden ist. Deswegen hat Jan Podvesky Vaclav Drbola sofort geraten, alle Kontakte zu Maly zu abzubrechen und sich zurückzuziehen. Es war jedoch schon zu spät.
Gleich danach wurde am 17. Juni 1951 Vaclav Drbola in seiner Pfarre früh morgens verhaftet und nach Jihlava gebracht. Mehrmals wurde er gefoltert und zu unsinnigen Erklärungen gezwungen – jedoch ohne Erfolg. Trotzdem hat man ihn durch die verschiedensten konspirativen Hypothesen als einen gefährlichen Agenten des Westens und Gegner der wahren Volkspartei – nämlich der Kommunistischen – gezeichnet. Man beschuldigte ihn als einen geheimen Kooperator und Mentor der antikommunistischen Gruppe von Babice und so wurde er nach einem Schauprozess vom 12.-14. Juli 1951 in Brno zum Tode verurteilt.
Dieser Schauprozess wurde durch eine starke Kampagne begleitet. Die Priester in den umliegenden Gemeinden wurden nämlich gezwungen, ein Pamphlet gegen Vaclav zu unterschreiben und sich vom Verurteilten völlig zu distanzieren. Sogar der verschleppte und aus dem Amt entfernte Brünner Bischof ThDr. Karel Skoupy sah keinen Ausweg, als den verurteilten Vaclav Drbola mit einem weiteren Priester, Frantisek Paril, kirchlich zu degradieren.
Vaclav Drola wurde am 3. August 1951 im Gefängnishof in Jihlava hingerichtet und seine verbrannten Reste auf dem Brünner Friedhof zerstreut. Erst im Jahre 1968 wurde den Verwandten eine Urne überreicht und später im Geburtsort Starovicky beigesetzt. In den Jahren 1990 – 1997 wurde Vaclav Drbola rehabilitiert und in diesen Monaten verläuft der Prozess der Seligsprechung.
Seligsprechung tschechischer Märtyrer
Die „Sudetendeutsche Zeitung“ meldet in Ihrer Ausgabe vom 31.10.2025 auf Seite 1:
Papst Leo XIV. hat am vergangenen Freitag ein Dekret zur Seligsprechung der Brünner Patres Jan Bula und Václav Drobla unterzeichnet. Die beiden Diözesanpriester waren in den 1950er Jahren nach Schauprozessen vom kommunistischen Regime hingerichtet worden.
Die große Feier der Doppel-Seligsprechung soll Mitte nächsten Jahres stattfinden. Der Termin wird in den kommenden Wochen bekannt gegeben. Erwartet werden dazu Tausende von Gläubigen aus ganz Tschechien, aber auch aus Deutschland, Österreich und Polen. Geplant wird außerdem ein umfangreiches Rahmen- und Vorfeldprogramm.
Brünns Bischof Pavel Konzbul: „Ich freue mich sehr über die Seligsprechung. Pater Bula und Pater Drobla sind eindeutig Vorbilder, von denen wir auch heute noch lernen können. Die Seligsprechungsfeier wird ein außergewöhnliches Ereignis für die tschechische Kirche werden.“
Der Seligsprechungsprozess für Jan Bula war 2004 initiiert worden, der für Václav Drobla sieben Jahre später.
Wir freuen uns mit der tschechischen Kirche über diese Seligsprechungen und werden zu gegebener Zeit über die Seligsprechung und die neuen Seligen berichten.
Ein Lebensbild von Václav Drobla ist ja schon in dieser Ausgabe der „Mitteilungen“.
Kardinal Dominik Duka zum Gedenken
Am 4. November 2025 verstarb Kardinal Dominik Duka in Prag im Alter von 82 Jahren. Geboren wurde er am 26. April 1943 als Jaroslav Duka in Hradec Králové/Königgrätz. Er besuchte in Königgrätz das Gymnasium. Aus politischen Gründen wurde ihm ein Studium verwehrt. So arbeitete er nach dem Abitur in der Fabrik ZVU, wo er eine Ausbildung zum Maschinenschlosser machte. Nach seinem Wehrdienst konnte er 1965 ein Theologiestudium in Leitmeritz beginnen.
1968 trat Duka in den Dominikanerorden ein und nahm den Ordensnamen Dominik an. 1970 empfing er die Priesterweihe und war fünf Jahre in der Seelsorge in Erzdiözese Prag tätig.
1975 wurde ihm die staatliche Genehmigung zur Ausübung des Priesteramtes entzogen. 1981 wurde Duka wegen „Behinderung der staatlichen Aufsicht über die Kirchen“ verurteilt und verbrachte 15 Monate im Gefängnis. Nach seiner Entlassung arbeitete er bis 1989 als Technischer Zeichner bei den Skoda-Werken in Pilsen.
Ein Jahr zuvor war er heimlich zum Provinzial der Dominikanerprovinz Böhmen und Mähren ernannt worden. 1998 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. zum 24. Bischof von Königgrätz und 2004 zum Apostolischen Administrator der Diözese Leitmeritz. 2010 wurde Dominik Duka als Nachfolger von Kardinal Miroslav Vlk zum Erzbischof von Prag berufen. 2012 nahm ihn Papst Benedikt XVI. in das Kardinalskollegium auf. 2018 nahm Papst Franziskus das Rücktrittsgesuch an, bat ihn aber gleichzeitig bis zur Ernennung eines Nachfolgers sein Amt weiter auszuüben. Das trat ein, als 2022 der bisherige Erzbischof von Olmütz Jan Graubner nach Prag berufen wurde.
Seinen Wahlspruch „In Spiritu Veritatis – Im Geiste der Wahrheit“ deutet er folgendermaßen: „Die Wahrheit muss sich erschließen, die Wahrheit muss mir Erkenntnis schenken. Aber sie muss auch gefallen, sie muss schön sein. Und drittens: Sie muss dann auch bewegen.“ So wollte er Gott, der Kirche und dem Vaterland dienen.
Seine Eminenz Kardinal Dominik Duka gab eine moralische Botschaft und besaß ein Herz voller Mitgefühl. Er verkündete und vollbrachte Taten der Barmherzigkeit und des Mitgefühls, die vom Geist der Wahrheit und der Empathie durchdrungen waren. Für viele bleibt er für immer ein Apostel wahrer Menschlichkeit.
Laut Aussagen engster Vertrauter von Kardinal Dominik Duka lautet seine grundlegende spirituelle Botschaft: „Wir sind in Gottes Händen!“ Dies sagte er, als er am Samstagabend, dem 1. November 2025, im Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht wurde.
Vor Jahren sprach der Kardinalvater im Fernsehsender TV Noe über Hoffnung: „Der Tod beendet nicht alles, und die christliche Botschaft der Bücher des Alten und Neuen Testaments spricht von der Auferstehung. Daher sollten wir tiefe Freude empfinden, denn wir haben die Hoffnung, dass unser ganzes Leben, unsere Sorgen, Schmerzen, aber auch unsere Wünsche und Hoffnungen nicht in dem Moment enden, in dem man uns die ewige Ruhe wünscht …“
Und das wünschen auch wir dem Kardinal.
Gleichzeitig erinnern wir uns an das tschechisch-deutsche Priestertreffen in Prag im Juni 2024, bei dem wir als Mitglieder der Sudetendeutschen Priesterwerke vom Kardinal empfangen und bewirtet wurden. Es herrschte eine sehr angenehme und freundschaftliche Atmosphäre.
Wir werden den verstorbenen Kardinal Dominik weiterhin in unsere Gebete einschließen.
P. Miroslav Martiš
Fachtagung zum Thema „Migration und Integration: Erinnerungskultur“
Medien, Personen, Kultur und Orte: Viele Aspekte halten die Erinnerung wach. Aus verschiedenen Perspektiven beleuchtete Mitte September die zweitägige Fachtagung des Instituts für Kirchengeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa (IKKDOS) das Thema „Migration und Integration: Erinnerungskultur“. Der meisten der ca. 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer steuerten dazu in den fünf Arbeitseinheiten Kurzreferate bei. Mitveranstalter der im Tagungshaus Schönenberg bei Ellwangen durchgeführten Veranstaltung waren die Bundeskonferenz der kirchlichen Archive in Deutschland und der Historische Verein für Ermland.
In seiner Einführung erinnerte der IKKDOS-Vorsitzende Prof. Dr. Rainer Bendel an den Westfälischen Frieden von 1648, an das Ende des Zweiten Weltkriegs und an biblische Szenen im Kontext von Befreiung bzw. Vergessen, Gedenken und Erinnerung angesichts der Erfahrungen von Hass, Gewalt und Neid. Den Satz in der katholischen Eucharistiefeier „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ interpretierte Bendel als Auftrag für eine „befreiende Erinnerung“. Mit Blick auf die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen 1945/46 sprach er von einer „Heimat aus den Koffern“ – ein Fluchtgepäck mit oft unsichtbarem Inhalt – und von „Schritten in ein neues Umfeld“, die auch mit Ballast und Hindernissen verbunden gewesen seien. „Der Migrationshintergrund lässt sich nicht immer wegdrücken“, konkretisierte der Vorsitzende. Zu bedenken sei ferner, dass zu den historischen Aspekten auch Fakten auf der individuellen und gesellschaftlichen Ebene kamen. Damit gewinne die Frage nach der Integration und Migration in Zusammenhang mit verändernden Impulsen – insgesamt die Erinnerungskultur – an Bedeutung.
In der ersten Arbeitseinheit ging es um Medien der Erinnerung an Flucht und Vertreibung. Die Moderatorin Dr. Elisabeth Fendl gab in ihrem Impulsreferat zunächst einen Rückblick auf wichtige Stationen in eben diesem Bereich: die umfangreiche „Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa“ aus den Jahren 1953 bis 1962, den Paragraf 96 des Bundesvertriebenengesetzes von 1953 (u.a. für Kulturarbeit, Ostkunde an Schulen) und die Begründung von Instituten sowie Räumen und Orten der Erinnerung. Der Ostpolitik der sozial-liberalen Koalition ab 1969 seien oft die Erinnerungen von Vertriebenen entgegengestanden. „Die Erinnerungsmedien und -praktiken blieben unverändert“, stellte Fendl fest und belegte dies mit Themen von Sudetendeutschen Tagen jener Jahre. Nach der Wende 1989/90 habe sich dann ein „Erinnerungsboom“ entwickelt, da nun Archivquellen zugänglich wurden. In den Bereichen Ausstellungen, Literatur etc. seien viele Aktivitäten entstanden, dabei aber auch – nicht selten – Fehleinschätzungen. In jüngster Zeit hätten sich, so die Moderatorin, die Medienformen verbreitert und die Kommunikation verstärkt. Konkret präsentierte sie vor allem Beispiele aus dem böhmisch-mährischen Raum: Heimatstuben und -sammlungen ab den 50er Jahren – in Verbindung mit Patenschaften, Benennung von Straßennamen, Heimatmuseen ab den 70er Jahren, ostdeutsche Heimatstuben ab den 90er Jahren in den neuen Bundesländern. Aktuell sei vielerorts ein „Heimatstubensterben“ festzustellen. Hier sei die Abgabe der Sammlungen entweder an das Sudetendeutsche Museum oder an Einrichtungen in den Herkunftsorten denkbar. Als weitere „Medien“ nannte Fendl die Heimattreffen (häufig mit einem „komplexen kulturell-politischen Charakter“, in den jüngsten Jahren aber gewandelt), Festzüge (früher mit Bildern der alten Heimat, seit den 90er Jahren mit Darstellungen von Flucht und Vertreibung), Vertriebenendenkmäler, Briefmarken, Heimatbriefe und -bücher, das „gesprochene Wort“ (mündliche Erzählungen, Befragungen, Romane, Biografien) sowie Essen und Speisen aus der Heimat. Zuletzt hätten die sozialen Medien und Netzwerke an Bedeutung gewonnen – auch grenzüberschreitend, so Fendl abschließend.
Das Thema vertieften in einem Gespräch die Heimatpflegerin der Sudetendeutschen Christina Meinusch (per Computer zugeschaltet), Jana Nosková (wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethnologie der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik, Arbeitsstelle Brünn) und Ingrid Sauer (Archivarin im Sudetendeutschen Archiv). Als aktuelle bzw. anstehende Projekte nannte Meinusch ein auf Zeitzeugenaussagen beruhendes Ausstellungsprojekt an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und die Erfassung sudetendeutscher Gräber auch auf deutschen Friedhöfen. „Das sind oft auch spannende Zeugnisse der bayerischen Ortsgeschichte“, erläuterte die Heimatpflegerin. In weiteren Zeitzeugenprojekten gehe es darum, „unterschiedliche Perspektiven von Flucht und Vertreibung zu sammeln“. Unterstützt werde sie von vielen Ehrenamtlichen aus der Erlebnisgeneration, was aber zunehmend schwieriger werde. Andererseits gebe es immer mehr Anfragen der jungen Generation – auch aus Tschechien – zu diesen Themen.
Die „Rettung von gefährdetem Kulturgut“ (Übernahme von Heimatstuben, Inventarisierung etc.) sei für das Sudetendeutsche Archiv ein „riesengroßes Projekt“, so Ingrid Sauer. Es gebe mehr tschechische als deutsche Anfragen, vor allem von Immobilienbesitzern, die Auskünfte wünschen. Einen guten Teil würden in letzter Zeit auch Nachlässe von Geistlichen bzw. Einrichtungen (z.B. Bestand des Sudetendeutschen Priesterwerks) ausmachen, Kontakte bestehen auch zu Kollegen in Tschechien. Eindringlich mahnte Sauer den Erhalt von Erinnerungen im Archiv an. „Was nicht in den Akten ist, ist nicht in der Welt“, zitierte sie einen bekannten Ausspruch. Ihrer Ansicht nach wird die Bedeutung des Archivs steigen – auch mit Blick auf grenzüberschreitende Aspekte. Daher sei es immens wichtig, die Sachen sicherzustellen.
Mit „(Umstrittenen) Ikonen der katholischen Vertriebenen“ beschäftigten sich die Vorträge der zweiten Arbeitseinheit. Über „Gerhard Hirschfelder. Von der Identifikationsfigur der Vertriebenenjugend aus der Grafschaft Glatz zum Seligen von Polen und Tschechen“ referierte Prof. Dr. Michael Hirschfeld, IKKDOS-Vorstandsmitglied und Außerplanmäßiger Professor der Universität Vechta. Nach kurzen Informationen über das Leben des Priesters, der am 17. Februar 1907 in Glatz geboren wurde und am 1. August 1942 im KZ Dachau starb, widmete sich Hirschfeld vor allem der Rezeption dieses Geistlichen, der am 19. September 2010 im Dom zu Münster seliggesprochen wurde. NS-kritische Predigten und vor allem sein Anprangern der Zerstörung eines Bildstocks führten zu Verhören durch die Gestapo, schließlich zur Verhaftung und zur Überstellung ins Konzentrationslager. In dieser Zeit schrieb er Kreuzweggebete und einen Kommentar zu den Paulusbriefen. Zehn Jahre nach Hirschfelders Tod habe der schlesische Pfarrer Adolf Langer (1902 – 1965) erstmals, so Hirschfeld, ein Gedenken an den „tapferen Märtyrer-Priester“ initiiert und Ende der 1950er Jahre dann Kreuzwegorte eingerichtet. Angehörige der Erlebnisgeneration hätten den Prozess der Seligsprechung (Start im September 1998) eingeleitet – insbesondere Barbara Franke, die mit zwei weiteren Autoren im Jahr 1989 ein Buch über Gerhard Hirschfelder publiziert hat. „Das Grab von Hirschfelder wurde viel von Jugendlichen der Grafschaft Glatz besucht“, erläuterte Hirschfeld. Gegründet wurde ein internationaler Gerhard-Hirschfelder-Kreis, auch um Tschechen und Polen mit ins Boot zu holen. Im Mai 2002 wurden die Akten zur Seligsprechung (Briefe aus dem Gefängnis, Kreuzweggebete, historisch-theologische Gutachten auf Basis von Zeugenaussagen) an den Vatikan übergeben. Im gleichen Jahr wurde erstmals eine Straße nach Gerhard Hirschfelder benannt, zum 60. Todestag gab es in Czermna/Tscherbeney eine große Gedenkveranstaltung, am 19. September 2010 erfolgte schließlich die Seligsprechung. Seither habe es, so Hirschfeld, viele Aktivitäten und Aktionen gegeben: Erstellen eines Kurzfilms durch Jugendliche im Raum Oldenburg, oft zweisprachige Gedenkplatten an allen Wirkungsorten Hirschfelders, ein trinationales Gebet sowie ein ihm gewidmetes Symposium, weitere Straßenbenennungen und ein Hirschfelder-Wettbewerb für Schüler. Hirschfeld betonte die kurze Dauer von nur zwölf Jahren für die Seligsprechung, die – auch seitens der Heimatvertriebenen – vehement vorangetrieben wurde und bei Papst Johannes Paul II. auf Interesse stieß. Deutlich machte der Referent aber auch, dass Hirschfelder vor allem als Seliger für Polen und Tschechen eingeführt wurde – „unterstützt von Heimatvertriebenen – auch aus der zweiten und dritten Generation -, die für Versöhnung stehen“. Daher gelte Hirschfelder bisweilen als „ein konstruierter Held ohne nachhaltige Verankerung im deutschen Katholizismus“, bilanzierte Hirschfeld.
Zwei in Vertriebenenkreisen bekannten, bisweilen umstrittenen Theologen widmete sich der freiberufliche Historiker Dr. Martin Renghart. „Kollektives und individuelles Gedächtnis im Widerstreit: Adolf Bertram und Maximilian Kaller im Gedächtnis ihrer Diözesanen“ lautete sein Vortragsthema. Zunächst ging der Historiker auf die Unterschiede bzw. Merkmale der individuellen bzw. kollektiven Erinnerung sowie deren Quellen ein. In der Kirchenzeitung des Erzbistums Breslau, über die Renghart promoviert hat, komme Bertram häufiger vor. Nach 1945, als die früheren Bistümer nicht mehr existierten und so auch entsprechende Quellen fehlten, würden individuelle Aspekte überwiegen. Laut Renghart wurde Bertram in ermländischen Publikationen und in der schlesischen Literatur als „Symbolgestalt“ gewürdigt, runde Geburts- und Todestage als Anlässe zum Gedenken (Gottesdienste) aufgenommen. „Die Beiträge sind abhängig vom Denken der jeweiligen Schriften“, erklärte der Historiker. In den 1960er Jahren habe das Interesse an Bertram ab- und die Kritik an ihm zugenommen. „Bei Kaller gab es weniger Kritik. Aber beide sind in den Erinnerungen nicht nur positiv dargestellt“, relativierte Renghart. Auch das habe wohl gegen die Einleitung von Seligsprechungsprozessen gestanden, zumal beide zum Teil auch seitens der Diözesanen kritisiert wurden. Zusammenfassend meinte der Geschichtswissenschaftler, dass anfangs die individuelle Erinnerung dominiert habe, ab den 1960er Jahren dann die kollektive Erinnerung. Eine umfassende Biografie über Bertram sei erst im Jahr 2015 erschienen, basierend vor allem auf kollektiver Erinnerung. Zu Kaller habe es bereits 1960 eine „biografische Skizze“ gegeben.
Den aus Jernau in Schlesien stammenden Priester Carl Ulitzka (1873 – 1953) präsentierte der Historiker und Politologe Guido Hitze, der seit 2020 als Leiter der Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen wirkt. Der Untertitel seines Vortrags „Verfemt, vergessen und jetzt neu entdeckt?“ verwies bereits auf das differenzierte Bild, denn Ulitzka war auch Zentrumspolitiker und von 1920 bis 1933 Reichstagsabgeordneter. Dennoch tauche er, so Hitze, nur wenig bzw. fragmentarisch in Publikationen auf, er scheint „kein zentraler Akteur“ gewesen zu sein. „Aber er war ein prominenter Vertreter seiner Partei, in führenden Gremien, stellvertretender bzw. erster Sprecher der Partei und Anwalt des deutschen Ostens – in Polen galt er jedoch als Unperson und in der Geschichtsschreibung der DDR als Anwalt des deutschen Imperialismus“, konkretisierte der Referent. Ebenso ambivalent waren die Urteile in Aufsätzen von Ende der 60er bis zum Beginn der 80er Jahre: Vorkämpfer, Freiheitskämpfer, Wachhalten der deutschen Vertriebenen bzw. „Imperialist“. Erst durch Hitzes umfangreiche Arbeit „Carl Ulitzka (1873 – 1953). Oberschlesien zwischen den Weltkiegen“ (1439 Seiten, 2002 erschienen) wurde das Leben und Wirken dieses Priesters und Politikers umfassend dargestellt. Diese Vita breitete Hitze im zweiten Teil seines Vortrags aus, wobei er besonders auf die Wechselwirkung von Seelsorge und Politik (Ausgangspunkt Kommunalpolitik) einging. Vor allem die ab 1918 in Schlesien einsetzenden separatistischen Bewegungen verstärkten Ulitzkas politisches Engagement, beeinflussten aber auch spätere Beurteilungen etwa durch die Nationalsozialisten. Im Jahr 1933 wurde er von SA-Leuten niedergeschlagen, worüber sogar die „Times“ in London berichtete. Gegen seine Überzeugung stimmte er dem Ermächtigungsgesetz zu. „Darüber kam er nie hinweg“, stellte Hitze fest. Danach war Ulitzka ausschließlich als Seelsorger tätig, wo er auch für den Schutz nationaler Minderheiten eintrat – auch für polnischsprachige Gottesdienste. Im Sommer 1939 erfolgte seine Ausweisung bzw. Versetzung nach Berlin als Krankenhausseelsorger, wo er in Kontakt zum Kreisauer Kreis kam. Ende Oktober 1944 wurde er verhaftet und ins KZ Dachau deportiert, das er aber überlebte. Über Ratibor, wo er Morddrohungen erhielt, kehrte er nach Berlin zurück und war hier Mitbegründer der CDU. Sein Tod im Jahr 1953 hatte ein bundesweites Echo - auch aufgrund seines umstrittenen politischen Profils. In Köln und in Leverkusen wurden Straßen nach ihm benannt, anfangs der 2000er Jahre auch in Bernau (bei Berlin) die Straße vom Bahnhof zur Kirche. Mitte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts stieg auch in Polen (Ratibor, Partnerstadt von Leverkusen) das Interesse an Ulitzka, der dort nun als Oberschlesier – nicht als Deutscher – betrachtet wird. „In Deutschland ist und bleibt er vergessen. Er ist eigentlich eine spannende Person in vielen Bereichen. Aber seit 23 Jahren gibt es keine weiteren Forschungen über ihn“, schloss Hitze seine Ausführungen.
Als Zeitzeugin war in der dritten Arbeitseinheit Christine Czaja, die Tochter des früheren Bundestagsabgeordneten und BdV-Präsidenten Herbert Czaja, eingeladen. Da die Familie Czaja in Stuttgart ansässig war, gehörte die Vertriebenenwallfahrt auf den Schönenberg zu den zentralen Veranstaltungen. Bis heute tief beeindruckt ist sie von der Wallfahrt im Jahr 1960, wo Bundeskanzler Konrad Adenauer bei der Kundgebung sprach und die Besucher mit Sonderzügen anreisten. „Auch in den Zügen wurde gebetet und gesungen“, schilderte Czaja. Die Zeitzeugin verwies auf weitere Funktionen und Bezüge ihres Vaters im Kontext der Heimatvertriebenen (Arbeitsgemeinschaft der katholischen Vertriebenenorganisationen, Ackermann-Gemeinde, Caritas, Vertriebenenbischöfe, Visitatoren), aber auch auf manche „Elendslagen in Stuttgart“. Besonders in Erinnerung ist ihr auch die Wallfahrt im Jahr 1975 mit Otto von Habsburg als Redner. „Das war besonders für die Angehörigen der früheren Donau-Monarchie ein Erlebnis“, blickte sie zurück. Viele weitere Kundgebungsredner aus der Bundespolitik oder aus Bundesländern zählte sie auf, manche sprachen sogar mehrmals. Prägend für Czaja war die Wallfahrt im Jahr 1993, zu der Monika Hohlmeier als Rednerin kam und Herbert Czaja einen Herzinfarkt erlitt, von dem er sich erholte und dann sein umfangreiches Vermächtnis („Unterwegs zum kleinsten Deutschland? Mangel an Solidarität mit den Vertriebenen. Marginalien zu 50 Jahren Ostpolitik“) zu schreiben begann. „Die Wallfahrt ist durch den Schwund der Erlebnisgeneration geringer geworden“, spannte sie den Bogen in die jüngeren Jahre, wo nun zum Teil auch Aussiedler an der Wallfahrt teilnehmen.
Um „Religiöse Feiern“ ging es in der vierten Arbeitseinheit. Zunächst referierte Prof. Dr. Christel Köhle-Hezinger, emeritierte Professorin für Volkskunde (Empirische Kulturwissenschaft) an der Philosophischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena, zum Thema „Neue Siedlungen – neuer Glauben?“ Anhand ihrer Untersuchungen warf sie einen Blick auf Vertriebenenfamilien in den 1950er Jahren (Wohnungen, Ausstattungen, Spielzeug, Speisen), auf diese Aspekte bei Familien anderer Konfessionen, Erfahrungen im öffentlichen Raum, den Religionsunterricht, gesprochene Dialekte, Brauchtumspflege (z.B. Maibaum, Fronleichnamsprozession mit Musik und Fahnen, Rosenkranz) bis hin zum Bau einer eigenen katholischen Kirche sowie dem Entstehen komplett neuer Siedlungen für die Heimatvertriebenen. Bei den Heimatvertriebenen bildeten sich mehrere Charakteristika heraus: eine nicht an eine Gemeinde gebundene Atmosphäre und das Ermöglichen neuer Frömmigkeitsformen. Die zunächst noch vielfach vorhandene Bindung an Heimatorte und -landschaften in der alten Heimat nahm ab den 1990er Jahren ab, die „Kirche-Heimat wurde identisch mit der Wallfahrtsheimat“, so Köhle-Hezinger. Exemplarisch der Schönenberg wurde ab ca. 1954 für alle Heimatvertriebenen zu einem zentralen Wallfahrtsort, ab 1980 auch für Aussiedler.
Zu einem weiteren Thema, nämlich „Von der Vertriebenenwallfahrt zum Erinnerungsort. Herausforderungen einer Bewahrung für die Zukunft“ sprach Prof. Dr. Michael Hirschfeld. Ein Hintergrund dafür war, dass einige lange Zeit ausgeführte Vertriebenenwallfahrten entweder bereits eingestellt wurden oder mit ihrem 75-jährigen Jubiläum vor einer Zäsur stehen. Man kann also von einer „sterbenden Tradition“ sprechen. Die Frage stellt sich, wie eben diese Veranstaltungen oder Elemente davon in die Zukunft zu retten sind. „Vertriebenenwallfahrten sind ein Produkt der Nachkriegszeit und an die Erlebnisgeneration gebunden“, stellte Hirschfeld fest. Ein Ansatz war, die Wallfahrten der einzelnen Landsmannschaften in eine zu bündeln. Vielfach wurde zudem die politische Kundgebung gestrichen. In jüngster Zeit wurde dafür die Flüchtlingsthematik mit aufgenommen. „Aktuell gibt es einige Versuche, neue Wallfahrten zu etablieren. Und Wallfahrten in die alte Heimat, in geistliche Zentren dort, mit Begegnung mit der deutschen Minderheit“, schilderte Hirschfeld. Er nannte auch Teilnahmen an Wallfahrten der deutschen Minderheit, stellte aber auch die Frage, wie lange es diese Formen noch geben wird. Speziell die Vertriebenenwallfahrt 2025 auf dem Schönenberg mit dem Themenfokus auf die Ukraine deutet für den Referenten eine mögliche Lösung an: die Integration aktueller Zeitfragen – konkret den Aspekt „Frieden“. Damit könnte auch die junge Generation gewonnen werden. Ein weiterer Ansatz für Hirschfeld ist, die Wallfahrten bzw. konkrete „steinerne Zeugnisse“ (Gedenktafeln, Bildstöcke usw.) als Erinnerungsorte gegen das Vergessen zu verankern.
Einem anderen Aspekt widmete sich Dr. Marius Linnenborn, der Leiter des Deutschen Liturgischen Instituts in Trier. Er machte sich theologische Gedanken zum Thema „Liturgische Überlegungen zur Gestaltung der Erinnerungskultur“. Die Worte nach der Wandlung in der katholischen Eucharistiefeier „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ nahm er als Ausgangspunkt und erläuterte die verschiedenen Dimensionen dieses Satzes: darin enthalten sind verschiedene Zeitebenen, die Gegenwart Christi in der Messfeier, der Dialog zwischen Gott und den Menschen. „Jeder Gottesdienst hat auch ethische Dimensionen, ein Gedenken an die Leiden heute“, konkretisierte Linnenborn. Am Beispiel der Grafschaft Glatz zeichnete er das liturgische Leben der Vertriebenen nach. So waren vertriebene Priester oft Urheber für Aktionen und Initiativen in Diasporaregionen, auch um den Zusammenhalt in der Fremde zu stärken. Für die Vertriebenenwallfahrten nannte er verschiedene Inhalte und Phasen: Trost und Trauer; Ermutigung, sich in der neuen Heimat einzusetzen und einzubringen; ein katholisches Glaubenszeugnis geben; Bewahrung, Zusammenhalt, kulturelle Prägung; Austausch und Geselligkeit; Lieder (zum Teil emotionaler) aus der alten Heimat. „In der jetzigen Phase kommt die Erlebnisgeneration langsam am Ziel ihres Pilgerweges an. Es gibt kaum noch Gottesdienste bei Orts- und Heimattreffen“, beschrieb der Theologe die Situation. Neben den traditionellen Wallfahrten nach Telgte und Werl gibt es Buswallfahrten in die Grafschaft, wo die Pilger ihre Lieder, Bilder, Statuen etc. mitbringen. Die Entwicklung ist für Linnenborn vergleichbar mit der in Pfarreien. Er deutet dies aber auch so, dass daraus die positive Integration der Familien in ihrer neuen Heimat sichtbar wird. Auch er empfahl die Pflege der steinernen Zeugnisse. „Wahrscheinlich gibt es immer weniger Gottesdienste, eher Gedenkfeiern mit dem Lesen eines religiösen Textes bzw. mit verschiedenen Konfessionen und Religionsgemeinschaften“, skizzierte er den Wandel vom persönlichen zum institutionellen Gedenken.
Abschließend präsentierten Dr. Thomas Scharf-Wrede und Prof. Dr. Klaus Unterburger, Inhaber des Lehrstuhls für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Ergebnisse der (nichtrepräsentativen) Umfrage „Diözesane Erinnerungsorte an Flucht und Vertreibung in Deutschland“. Bis auf drei/vier gab es von allen Diözesen Rückmeldungen, wobei aber ein sehr weites Verständnis und damit größere Gesamtzusammenhänge zu beobachten waren. Als „weißen Fleck“ bezeichnete Scharf Wrede das Erzbistum Hamburg, keine Daten gab es auch vom Bistum Dresden-Meißen. Stätten und Aktionen der Erinnerung an Vertreibung sind Wallfahrten, Patrozinien, Lager, Siedlungswerke, Vertriebenenstädte, Kindergärten, Altenheime, Straßenzüge, neu gebaute Kirchen, Kriegergedächtnisstätten sowie spezielle Verbände und Seelsorge, Veranstaltungen (Nepomuk- und Barbarafeier, Fronleichnamsprozessionen) und kulturelle Dinge (Lieder, Andachten usw.).
Der Tagungsort „Schönenberg“ war ja bewusst gewählt durch die traditionelle Wallfahrt der Heimatvertriebenen hierher – im Jahr 2025 war dies zum 75. Mal. So gehörte auch eine Besichtigung bzw. Führung in der Pfarr- und Wallfahrtskirche „Zu Unserer Lieben Frau“ zum Programm.
Markus Bauer
Exerzitien für Priester, Diakone und Ordensleute
Sie fanden im Exerzitienhaus St. Paulus in Leitershofen vom 12. – 17. Oktober statt und standen unter dem Leitgedanken: „Gerufen zum Heilsein in der Welt von heute“. Die Exerzitien leitete der Bischöfliche Beauftragte für Geistliches Leben im Bistum Augsburg und Direktor des Exerzitienhauses Dr. Christian Hartl. Zwölf Priester, ein Diakon und drei Ordensfrauen nahmen daran teil, unter ihnen auch vier tschechische Priester.
Grundlage für die geistlichen Impulse von Dr. Hartl war das Apostolische Schreiben von Papst Franziskus „Gaudete et Exsultate“, veröffentlicht im Jahr 2018. Der Leiter der Exerzitien verband das päpstliche Schreiben mit dem Heiligen Jahr 2025 „Pilger der Hoffnung“. Gerade in der gegenwärtigen Weltsituation, die von wirtschaftlichen Problemen, von Gewalt, Spaltung und Unfrieden gezeichnet ist, existiert ein großes menschliches Bedürfnis nach Heil, innerem Halt und Frieden. Ausgehend von der Botschaft von Papst Franziskus versuchte Dr. Hartl Anregungen zu geben zur Frage: „Wie gelingt es, heil zu werden und heil zu bleiben in unheilvollen Zeiten?“ In dem päpstlichen Aufruf zur Heiligkeit in der Welt von heute finden sich viele Anregungen zum inneren Heilssein jedes Einzelnen und zum Heilsamwerden für die Anderen. Sie dienen der Ermutigung und Stärkung für das Unterwegssein im Glauben und für die Sendung des Christen in der Welt. Die geistlichen Impulse hatten zum Inhalt: „Gerufen ins Hier und Jetzt/ Heiligkeit? Gottverbundenheit in der Alltäglichkeit! / Heiligkeit - meiner Eigenart und Lebenswelt entsprechend / Heiligkeit braucht die Sensibilität für die subtilen innere Feinde/ Die Seligpreisungen als Synonyme für Heiligkeit/ Bußgottesdienst: Sanctus Dominus / Gefestigtheit, Humor und Wagemut / Gemeinschaft und beständiges Gebet/ Kampf, Wachsamkeit und Unterscheidung.“
Die ausgewählten Abschnitte aus dem Schreiben des Papstes vertiefte Dr. Hartl mit persönlichen Erläuterungen und mit beigefügten Fragen zum Weiterdenken und Weitergehen im Blick auf die eigene Lebenssituation. Zum Thema passende Gedichte, Lieder oder Bilder, die würdig gefeierte Liturgie, in der nochmals vorher gehörte Inhalte in den geistlichen Impulsen anklangen, sprachen alle, die dabei waren, wohltuend an und trugen bei zum geistlichen Gewinn. Jeder Tag begann mit einem Gebet in Stille und der Laudes. Dann folgte vormittags und nachmittags je ein Impuls. Gegen Abend trafen sich die Teilnehmer zur Eucharistiefeier, in die die Vesper miteingebunden war. Zum Abschluss des Tages versammelte man sich nochmal zur eucharistischen Anbetung in der Hauskirche. Der an einem Abend gezeigte Film von Wim Wenders „Franziskus – ein Mann seines Wortes“ war eine ansprechende Ergänzung zum Thema „Gerufen zum Heilsein in der Welt von heute“. Er zeigt anschaulich, dass Papst Franziskus in seinem Einsatz für die Schwachen und Armen und seinen Aufrufen zur Hoffnung nicht nur eindringliche Worte sprach, sondern auch nach ihnen lebte. Die nach jedem geistlichen Impuls ausgeteilten Handouts mit Texten aus dem päpstlichen Schreiben und damit verbundenen Fragen zum Weiterdenken waren eine wertvolle Hilfe nicht nur für die Tage der Exerzitien, sondern auch für die Zeit danach, in der es weiter gilt, als Pilger der Hoffnung im Heiligen Jahr unterwegs zu sein.
Alois Ehrl